perfumeguide.de/Blog

Der Parfum-Blog

Archive for the ‘Außergewöhnliche Parfümerien in Deutschland’ Category

“Re Profumo” : Eine Entdeckung in der Parfümerie Vollmar in Bonn

Neu

 

 

Bonn wirkt wahrhaftig nicht wie eine Metropole. Als ich gestern einen Bummel durch die ehemalige “Bundeshauptstadt” unternahm, fragte ich mich, wie Adenauer es nach 1945 überhaupt geschafft hat, ein solches Städtchen zum Mittelpunkt der Republik zu machen.

In der Straßenbahn fallen vor allem die Schilder auf, die nach Köln weisen. Und in der Stadtmitte erblickte ich neben Starbuck’s, Karstadt, Vapiano und Maredo eine Filiale von TKMAXX. Dort kann man, wenn man geduldig ist und Zeit zum Stöbern mitbringt, neben Designertaschen und T-Shirts so manchen knallhart reduzierten Duft ergattern und sich im Anschluß daran über die Mechanismen des Kapitalismus’ den Kopf zerbrechen. Man kann seine Schritte aber auch in eine bezaubernde Parfümerie lenken, in der es jenseits des Mainstreams außergewöhnliche Parfums zu entdecken gibt. Die Parfümerie Vollmar in Bonn ist ein so schöner Laden, daß sich die Fahrt nach Bonn für DuftliebhaberInnen auf jeden Fall lohnt. Hier wird man zudem von KennerInnen beraten, die sich Zeit für den einzelnen Kunden nehmen. Das Sortiment umfaßt neben Serge Lutens, L’Artisan Parfumeur, Clive Christian, Juliette Has A Gun, Montale, Amouage, Penhaligon’s, Morph und vielen, vielen anderen auch die verschiedenen Dufthäuser, die von der Firma Intertrade vermarktet werden. Ein Blick auf die Webseite von Intertrade zeigt, daß sich hier beliebte Nischenhäuser tummeln: Six Scents, Santa Eulalia, S-Perfume, Roads und auch die Marke “Re Profumo”, auf die ich hier näher eingehen will.

“Re Profumo” gibt es erst seit 2014. Ähnlich wie die italienische Firma “Morph” bedient sich auch “Re Profumo” einer Marketing-Strategie, die mir irgendwie anstrengend vorkommt.  Offensichtlich genügt es nicht mehr, lediglich Parfums herzustellen. In der Welt der Nischenmarken braucht es vor allem background-stories, um die Kunden auf die neuste Marke aufmerksam zu machen. Bei “Re Profumo” kann man auf der dazugehörigen Webseite kitschige Musik anhören und erfährt zudem einiges über Fulvio Fronzoni, der einen Fantasy-Roman verfaßt hat, welcher selbstredend “Re Profumo” heißt (so wie die Duftlinie). “Re Profumo”  ist Fronzonis erstes Prosawerk und seiner “leidenschaftlichen Passion”, dem Parfum, gewidmet.  Aha. Nun kann ich über diesen Debütroman nichts sagen, denn er liegt mir nicht als Buch vor und auf der Webseite konnte ich ihn auch nicht lesen. Angeblich (so die Werbetexter)

“vermischen sich Leben, Fantasie, Kopfnoten, Herznoten und Basisnoten, um schließlich in einem Gleichgewicht zu münden, genauso wie es bei einem erfolgreichen Parfum geschieht. Die Romanhandlung entwickelt sich wie eine olfaktorische Wolke, die sich über alle Seiten ausbreitet. Und der Autor fügt seine eigene Interpretation hinzu, die seine unzähligen Träume enthüllt – fantastische Geschichten verborgen in einem Parfum. Der Leser wird wie auf ein gedankliches Karussell katapultiert, auf dem die Charaktere und die Geschichten erscheinen“.

Hört sich nicht nach einem Buch an, das ich lesen möchte.

Aber: Der Roman wird ja von einer neue Linie aus fünf Düften begleitet, die angeblich von  international bekannten „Nasen“ entwickelt wurden. Leider erfährt man nirgendwo, wer genau diese Nasen sind. Nun, es soll ja – vordergründig! –  der Roman im Mittelpunkt stehen und nicht das Schaffen der Parfümeure. Zumindest scheint das die Marketing-Strategie zu sein. Meiner Meinung nach ein falscher Weg. Gerade im Bereich der Nischenparfümerie stehen die Parfümeure schon seit Jahren mit ihren Kompositionen im Fokus und Interesse der Kunden. Parfums werden nach ihren Schöpfern bewertet: “Ein typischer Duchaufour, ein klarer Elléna, ein eindeutiger Thierry Wasser…”.

Doch bei “Re Profumo” erhält man nur die Info, daß die Parfums Alèxandros, Adone, Ekstasis, Sogno d’Amore und Superuomo in Zusammenarbeit mit Parfümeuren von “Intertrade” entstanden sind. Alle Parfums seien inspiriert vom “Geist des dekadenten Venedigs”, was auch immer dies konkret heißen mag.

Bei Vollmar in Bonn verschonte mich die freundliche und kompetente Parfümeriefachkraft Nadja A. zum Glück mit diesem ganzen Werbegewäsch. Es lag auch nirgendwo ein Exemplar des Romans von Fulvio Fronzoni herum, statt dessen konnte man aber die Parfums aus der “Re Profumo”-Linie in sehr angenehmer Atmosphäre testen und ohne Belästigung durch schwülstige literarische Verkaufsprosa genießen. Und: Die Düfte sie sind wirklich gut!

 

Vollmar Bonn Parfumerie Vollmar in Bonn

Gerade deswegen würde ich zu gern erfahren, wer sie komponiert hat. Wer z.B. hat sich getraut, die Königin der Blumen, die üppige Tuberose, zusammen mit frischer Bergamotte und Tonkabohne zu einem narkotisierenden, sinnlichen Traumduft zu verbinden? “Ekstasis” heißt das Parfum, vom dem ich hier spreche und das ich meiner Sammlung hinzugefügt habe. Es hat (wie bei einem Tuberose-Parfum nicht anders zu erwarten) einen gewissen indolischen Touch, der aber zusammen mit der kunstvoll gewebten Basis, der ein Tröpfchen Vanille hinzugefügt wurde, erotisierend wirkt.

Sogno d’amore” hingegen war erheblich süßer und gourmandiger, aber ebenfalls ausgezeichnet. Die Düfte von “Re Profumo” sind allesamt echte Extraits, also konzentrierte Parfums, keine Eaux. Entsprechend gut halten sie. Für circa 125 Euro werden sie in einem 50 ml Flakon angeboten, der sehr klobig ist (kein Design-Exstase-Punkt für die Firma!). Der unhandliche Deckel kann zum Glück durch einen kurzen goldenen Stöpsel ersetzt werden, der der Parfumschachtel beiliegt, dennoch hätte ich einen weniger grobklotzigen Flakon bevorzugt. Vieleicht wäre es besser gewesen, weniger Gehirnschmalz in die Entwicklung einer Romanhandlung zu investieren und das Geld lieber einem kreativen Flakonkünstler zu geben. Die meisten Leute können ohnehin besser gucken als lesen.

 

Ekstasis Re Profumo


Harry Lehmann Parfum in Berlin

Harry lehamnn Collection

Harry Lehmann Parfum in Berlin

Im Februar war ich in Berlin und hatte endlich ‘mal die Gelegenheit, den in “Parfumista-Kreisen”  hochgelobten Laden von Harry Lehmann zu besuchen. Er befindet sich in der Kantstr. in Charlottenburg und ist so unglaublich herrlich “50’s”, daß man meint, eine Zeitreise angetreten zu haben. Die Regale im Laden sowie auch das übrige Inventar scheinen alle noch aus den 1950er-Jahren zustammen. Ebenso “retro” mutet auch die Methode an, nach der man sich die Düfte im Laden aussuchen kann. Sie stehen alle in großen kanisterartigen Glasbehältern mit Stöpseln bereit und die interessierte Kundin kann kurz am Stöpsel schnuppern. So machte ich es bei meinem Besuch auch. Zwar war der liebenswürdige Ladeninhaber sehr hilfsbereit und beriet mich auch ganz gut, dennoch habe ich einige Fehlgriffe getan, da die Kopfnote am Stöpsel allein einen Duft nicht zur Geltung bringen kann. Angeregt und verführt durch die sehr günstigen Preise wählte ich einige Düfte aus, die ich nicht tragen kann bzw. die mir jetzt gar nicht mehr besonders gefallen, obwohl sie “am Stöpsel” gut rochen.

“Cochabamba” ist ein Duft, der blumig-fruchtig nach Duschgel oder auch einem modernen Waschmittel riecht. Er wurde mir für meine 20jährige Tochter empfohlen…. – leider kein guter Kauf. “Habanera” ist für ältere Semester, aber viel zu ölig, schwergewichtig und düster, um mir gefallen zu können. Ebenfalls nicht tragbar. “Larissa” (erwarb ich vor allem für meine gute Freundin Larissa Dück) ist ein Lichtblick: ein vanilliger, ambrierter Duft, der an “Gaultier2″ erinnert. Schön. “Valeria” kaufte ich für meinen Mann, guter Durchschnitt, ein angenehmer Fougere. “Lindenblüte” kann ich allen ans Herz legen, die genau diesen Duft lieben. Er riecht sehr natürlich, extrem süß und schwer, hält grandios. Und last not least habe ich auch den Bestseller erworben: “Eau de Berlin”.  Unspektakulär, frisch, leicht. Ein Eau de Cologne mit Berliner Label. Schönes MItbringsel!

Allen, die sich für Harry Lehmanns Parfums interessieren, rate ich, die Düfte auf der Haut oder zumindest auf einem Streifen zu testen und sich mehr Zeit zu nehmen als ich, die nur eine knappe halbe Stunde in dem unglaublich unprätentiösen 50’s-Ambiente zubrachte. In einem Nebenraum werden übrigens Kunstblumen verkauft.

Lehmann verschickt auch per Post. Seine Düfte erhält man in einfachen Glasflaschen, der Preis hängt vom Gewicht bzw. der Füllmenge ab und ist  mehr als fair. Da es sich bei Harry Lehmann um Deutschlands kleinste Parfum-Manufaktur handelt, macht er nicht viel Werbung; das gibt das Budget wahrscheinlich nicht her. Umso wünschenswerter wäre es, wenn noch mehr ParfumfreundInnen den Weg in den Berliner Laden finden würden.