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Der Parfum-Blog

Archive for the ‘Parfum&Kulturkritik’ Category

“Her perfume was Rive Gauche”. Ian McEwans beeindruckender neuer Roman “The Children Act”.

rivegauche  Auf Seite 191 der englischen Ausgabe (erschienen 2014 bei Jonathan Cape, London) findet sich ein Satz, der die Persönlichkeit der Richterin Fiona Maye in einer einzigen Duftassoziation perfekt beschreibt: “Ihr Parfum war Rive Gauche”.

McEwans Roman über eine Frau, die immer die Kontrolle behalten will, ist eine perfekte psychologische Studie, die mich mehr als nachdenklich zurückließ. Fiona, eine erfolgreiche und kultivierte Richterin am High Court in London, ist 60 Jahre alt und hat sich in ihrem Beruf, in ihrem Stadthaus in London und mit ihrem intellektuellen Ehemann, der Professor für Latein und Geschichte ist, fest in der Gesellschaft etabliert. Selbst die schwierigsten gerichtlichen Fälle scheint sie ruhig und konzentriert zu lösen. Ihr eleganter Schreibstil ist vielen bei Gericht ein Vorbild, auch und gerade ihren männlichen Kollegen. Wir lernen Fiona Maye in dem Moment kennen, als ihr langjähriger Ehemann ihr –  für sie aus heiterem Himmel – eröffnet, daß er eine Affaire haben wolle, da er ihr Sexualleben als unbefriedigend empfinde und sie in ein geschwisterliches Verhältnis abgeglitten seien. Nach einer sehr kurzen Auseinandersetzung verläßt der Ehemann das Haus mit einem Koffer und Fiona bleibt allein. Doch sie verliert nicht die Contenance. Ja, control oder keeping a stiff upper lip, das sind  bezeichnende Ausdrücke für Fiona Maye. Im Verlauf des Romans erleben wir, wie sie über einen fast 18-jährigen Jugendlichen ein weitreichendes, lebensentscheidendes Urteil verhängt. Als Mitglied der “Zeuge Jehovahs” verweigert Adam nämlich mit Unterstützung seiner Familie eine Bluttransfusion, die er wegen seiner Krebserkrnkung dringend benötigen würde. Die kluge Richterin rettet mit ihrer einstweiligen Verfügung das Leben des jungen Mannes, kommt aber dann nicht damit zurecht, daß dieser sich persönlich an sie wendet, ihr schreibt, sie sogar “stalkt”, indem er ihr ins nordenglische Newcastle hinterher reist.

Newcastle4 13 014 Die Tyne Bridge in Newcastle

 

Wie in der Beziehung zu ihrem Ehepartner, so ist sie auch in dieser Angelegenheit unfähig, Gefühle zu zeigen, sich auf einen Kontakt einzulassen, dem jungen Mann zu antworten, der sich von ihr mehr erwartet als ein gut formuliertes Gerichtsurteil. Fiona, die selbst kinderlos geblieben ist, da bei ihr der “richtige Zeitpunkt” für ein Kind aus beruflichen Gründen niemals gegeben war, findet die Balance aus Nähe und Distanz nicht. Zwar schickt sie Adam von Newcastle aus zügig wieder nach Hause, doch gibt sie ihm zum Abschied einen Kuß auf den Mund; eine verwirrende Geste, sowohl für ihn als auch für sie.

Einen weiteren Brief des nunmehr 18-jährigen, der ein bedeutungsschwangeres Gedicht enthält, ignoriert sie und beantwortet sie ebenso wenig wie die vorherigen Versuche, schriftlich mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Dabei ist Fiona nur äußerlich so kühl und kontrolliert. Ian McEwan schreibt seinen Roman konsequent aus ihrer Perspektive heraus und zeichnet so das Bild einer von gesellschaftlichen Ritualen und Konventionen geprägten Frau, die lediglich in der klassischen Musik durch ihr Klavierspiel bzw. ihre Tätigkeit als Liedbegleiterin für einen Richter-Kollegen ihre tiefen Emotionen zeigen kann. Jazz-Improvisationen bekommt Fiona am Klavier nicht hin, da sie zu sehr auf Regeln fixiert ist. Doch Bach-Fugen lernt sie auswendig und als Liedbegleiterin meistert sie Berlioz und sogar Mahlers Rückert-Lied “Ich bin der Welt abhanden gekommen” (von ihrem Kollegen allerdings auf Englisch gesungen, was es noch wirkungsvoller macht, wenn man bedenkt, in welcher Situation Fiona dieses Lied vor Publikum spielen muß). Denn der Roman “The Children Act” kulminiert in dem Konzert, das Fiona zusammen mit ihrem Kollegen gestaltet. Kurz bevor sie sich ans Klavier setzt, erfährt sie nämlich, daß sich der junge Mann, dem sie noch vor einigen Monaten im Eilverfahren das Leben gerettet hat, nun als Volljähriger gegen eine Bluttransfusion entschieden hat, als er zum zweiten Mal hätte wegen Leukämie behandelt werden müssen.

Adam ist tot. Und Fiona muß auftreten und eines der traurigsten Kunstlieder begleiten, das jemals komponiert worden ist. Am Ende des Konzerts bricht sie fast zusammen, als sie als Zugabe auch noch “The Sally Gardens” in der Version von Britten spielen muß, jenes Volkslied, das sie seinerzeit an Adams Krankenbett zusammen geübt hatten; er als Anfänger auf der Violine und sie mit ihrer Stimme.

Hätte sie Adams Briefe beantwortet, ihm in seinem Kampf gegen den religiösen Fanatismus seiner Eltern den Rücken gestärkt, er wäre vielleicht nicht zurückgefallen in den Schoß der Familie und in eine Glaubensgemeinschaft, die für ihn nur den Tod vorsah. Doch Fiona hat weder die Empathiefähigkeit noch den Mut gehabt, aus ihrer Rolle als überlegene Richterin auszubrechen. So war sie nicht in der Lage, die Signale richtig zu deuten und liest erst nachdem sie von Adams Tod gehört hat, seinen letzten Brief mit dem Gedicht, das eine Todesankündigung enthält, so wie sie es schon gleich hätte tun sollen: mit Bewußtsein für ihre Verantwortung.

Dennoch verurteilt man als Leserin diese beherrschte, rationale Frau nicht. McEwan hat sie so subtil dargestellt, daß man ihre Zurückhaltung versteht, ihren täglichen Kampf für Gerechtigkeit als wahrhaftig ansieht, ja, daß man diese fiktive Person respektiert und für ihre Disziplin sogar bewundert. Englische Tugenden werden hier vorgeführt, deren Kehrseite eben genau in der Tragödie liegen, die im Roman entfaltet wird. Falls McEwan überhaupt “Gesellschaftskritik” im weitesten Sinne üben wollte, so tut er dies hier auf eine unaufdringliche Weise. Fiona Maye und ihr Professoren-Ehemann sprechen sehr selten offen über ihre Gefühle, besonders sie vermeidet jede Aggression, hasst die offene Auseinandersetzung. Wenn diese Art des Umgangs für die hier dargestellte spezielle Gesellschaftsschicht als “normal” angesehen werden soll, so könnte man sich freuen, nicht unter solchen “Contenance-Fetischisten” in England geboren worden zu sein. Das steife Zeremoniell (auch bei Gericht), die Abgeschlossenheit der Kaste der “Höheren Richter”, die ständige Angst, das Gesicht zu verlieren: um all diese Zwänge beneidet sicherlich kaum ein Leser die englische upper middle class bzw. upper class.

Und treffender als mit der Wahl des kühlen, eleganten “Rive Gauche” als Parfum für Fiona Maye hätte der Autor seine Hauptfigur nicht “markieren” können. Niemals aufdringlich, immer angenehm, geschmackvoll und dennoch im Herzen (aufgrund der Rose) emotional und tiefgründig: so ist der Duft “Rive Gauche”. Und so profund wie dieses außergewöhnlich gute Parfum ist auch der exzellente Roman “The Children Act”.

Well, well… offensichtlich kennt Ian McEwan sich sogar mit Parfums aus. What a fabulous writer. I’m in awe.

rivegaucheparf


My year in perfumes: discoveries&developments, presents&pleasures

Deckblatt Perfumeguide

Dear readers and friends,

2014 was a very productive year for me. In January, I staged and performed my first very own play for the Hanauer Marionettentheater, “KING”.  And I discovered that one of the ugliest perfume vessels on the planet  policetobeking2 looked fantastic on stage. Yes, this awful “bottle” turned into an essential prop.

February saw the publication of my little book “99 Duftballons“:

Deckblatt - Werbung Jale 3

In March, I tried some of Oriza L. Legrand‘s gorgeous perfumes for the very first time… and fell in love with this one:

Foin3

Foin Fraichement Coupé” – a perfect scent for spring.

In April I tried nearly 30 new fragrances, but most of them were not in the least memorable. Here’s is an acceptable one which stuck out:

 

67Pomellato

And here’s is one I can’t recommend, because it’s just a copy of “Candy” with a French name.

Bonbon1

 

In May, I watched a fascinating tv-documentary devoted to the house of Lubin and their perfumers Delphine Thierry and Thomas Fontaine. When Delphine said that her perfume “Akkad” was “résineux et représente la richesse florale de la Provence, mais aussi les choses dorées et une pierre chaude” I decided to try it. It has become one of my favourite scents.

akkad4

June 2014 was a very warm month. On a trip to Munich I wasn’t sure which perfume to wear: an old friend or a newcomer? I finally opted for a timeless classic: “Christalle” by Chanel.

ChristalleChanel

And I discarded that one:

Theseus

In July I went to England. Here are some of the fragrances I brought back from Bristol, Bath, Exeter and Newquay:

Holly Sharpe1

KenzoMyAmour2JuliettehasagunMadmadam1BlackStoneneues im Dez12-16

Well, I have to confess that some of them were heavily reduced and that their vessels attracted me more than their contents. Madonna’s “Truth or Dare Naked” isn’t available in Germany and at the price of 10 Pounds, it was a bargain. Staying-power is excellent, the fragrance itself is a sweet, slightly woody gourmand.

When I travelled to Poland in August, I couldn’t find a single fragrance which was made in the country itself. Of course I’m familiar with “Pani Waleska“, but even this popular Polish perfume wasn’t on display. Instead I spotted Calvin Klein’s “Beauty”,

Beauty2 which I had wanted for quite a while and which cost half of the regular price they charge in Germany. And for those who don’t mind bootlegs from China, street vendors in Gdansk offered imitations of various French and Italian fragrances, for example:

RicciRicci

September was a great month, because it’s always a pleasure to receive fragrant birthday gifts. This year, I was particularly lucky. A friend from Istanbul gave me a perfume he created only for me:

Jaleprivat It’s a rich, deep, wonderful chypre. Thank you so much, Omer!

And I also got this:

Fleur dereine3Fleur de Reine“, a big, fat tuberose.

And LairdutempsPutman “L’Air du temps” in a collector’s bottle.

 

In October, I found out that Balmain’s “Extatic” comes in a fantastic vessel, but can’t be compared to the fabulous relaunch of “Ivoire“. Unfortunately, “Extatic” is just another triumph of form over content.

Extatic1

I also continued preparations for an exhibition of my perfume-vessels in the “Hessisches Puppen-und-Spielzeug-Museum” in Hanau, Germany. The exhibition will open in May 2015 and you’ll read much more about it on this blog next year.

WeltderPfs

In November, I bought some fragrant Christmas-presents and picked the following perfumes  for my daughter Julia:

CollectionRoge1MicallefWeih14-neu01-5

This year’s new releases like “Black Opium” and the latest “Euphoria“-flanker were totally repulsive, so I bought a beautiful Micallef-scent from 2012 and Etro’s “Rajasthan” from 2013 for my discerning offspring.

In December I discovered yet another fascinating perfume by Oriza L. Legrand. My  wonderful Parisian friend Helene took the trouble of buying a set of samples for me at 18, rue Saint-Augustin and made sure it included the newly released “Violettes du Czar”.

Should you happen to love violets, this should go on your test-list.

 

OrizaViolettes

 

The end of the year 2014 also saw the release of a new “city-fragrance”. Krefeld (a city in North-Rhine-Westphalia) released a fragrance which is supposed to celebrate the particular atmosphere of the hitherto famous fashion-town. Since I passed nine years of my childhood and school-life in Krefeld, I decided to grab a bottle of this limited edition fragrance:

ESNC Crefeld1ESNCCrefeld2

The vessel is stylish, but as for the scent… it’s so “meh”: an uninventive mixture of greenish, fruity notes on a slightly woody base. I would have thought Henkel from Düsseldorf, the chemical giant behind the production, could have done better. By the way, Krefeld’s first fragrance was much nicer (it smelled like a copy of “J’adore”).

Krefeld    But isn’t it funny that my old hometown seems to be the only place in Germany which releases perfumes for promotional purposes?

Finally I received a stunning gift for Christmas last week: half a liter of “Shalimar” in the iconic Guerlain “abeille”-bottle. WOW!

Shalimar500ml1

I also received this one

Wardasina2Wardasina” by Sospiro. (Shame on me, I had never heard of the brand before). It certainly is very beautiful from the outside, with the vessel being cled in red velvet:

Weih14-neu01-13 The fragrance is an extremely potent mix of rose, aoud, saffron and other strong components done in the style of “Black Afgano”. Since I’m not into this kind of fragrances at all,  “Wardasina” will probably be passed on to someone else.

So much about 2014 in terms of fragrances.

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A happy and healthy NEW YEAR to all my readers and friends!

And please remember: In 2015, I hope to meet you at our exhibition in Hanau/Germany!

See you soon!

Background-Rosenstrauch

 


Lalique-Flakons: Die perfekte Synthese von Parfum und Design

Frankreich verdankt den Korsen so einiges. Als der Jahrhundertparfumeur Francois Coty (geboren im Jahre 1860 als Francisco Giuseppe Spoturno auf Korsika) sein Geschäft auf der Place Vendome in Paris eröffnete, hatte er ziemlich schnell den genialen Einfall, den Glaskünstler René Lalique mit ins Boot zu holen.  Die Zusammenrabeit zwischen Lalique und Coty erwies sich als extrem fruchtbar und produktiv, denn die Idee, Parfum in einem eigens für eine bestimmte Sorte angefertigten Flakon als fertiges Gesamtprodukt zu verkaufen, war relativ neu.

Man muß sich klarmachen, daß vor Coty die KundInnen ihren Duft fast immer in eher einfachen Glasflaschen beim Parfumeur ihrer Wahl erwarben, um ihn dann in einen persönlichen Schmuckflakon umzufüllen. Coty präsentierte seine Parfums in Flakons von Lalique, die so schön waren, daß sich ein Dekantieren in andere Behältnisse erübrigte.

Schon 1909 designte Lalique für Coty die ersten Flakons (“Cyclamen”), und da Laliques und Cotys Produkte sehr gut ankamen, folgten flugs Aufträge anderer Parfumhäuser, z.B. von Roger&Gallet im Jahre 1910 (“Cigalia”) oder von D’Orsay 1911 (“Ambre D’Orsay”).

Rosine und Worth beauftragten Lalique ebenfalls mit der Herstellung von Flakons, und Lalique eröffnete 1921 eine Glasfabrik in Wingen-sur-Moder (in der Nähe von Strasbourg), die noch heute besteht.

Auf der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes in Paris im Jahre 1925 gewann Lalique viele Preise und erntete höchste Anerkennung mit seiner Kunst. Nach René Laliques Tod am 5. 5. 1945 übernahm sein Sohn Marc die Fabrik.

Die berühmteste Parfumflasche, die Lalique jemals produziert hat, ist die ikonische Taubenflasche (Deux colombes) für “L’Air du temps” aus dem Jahr 1947. Das Design wird auch heute noch verwendet und variiert:

L'AirdutempsEdTlairdutempsLairdutempsspecial

LairdutempsputmannL'air du temps by Starck

L’Air du Temps Flakon von Designer Philipp Starck (liegend, links).

 

In den 70er und 80er Jahren produzierte Lalique 50% aller Flakons für Nina Ricci, eine großartige Zeit für Sammler, denn die Flakons waren gemessen an heutigen Preisen noch relativ erschwinglich.

Der Schoenste (16 von 12) Hier der Lalique-Flakon von “Farouche”.

NinaaltOder der Flakon für “Nina” (heute leider ein ganz anderer Duft).

Nina Ricci Parfums werden heute auch noch in sehr hübschen Flakons angeboten, doch ist der Flakonhersteller schon lange nicht mehr Lalique – und die meisten Flaschen haben Stöpsel und Verschlüsse aus Plastik.

Nicht so die Parfumflakons, die von der Firma “Art&Fragrance” herausgebracht und die auch heute noch von Lalique in Wingen-sur-Moder in Handarbeit aus Kristall mundgeblasen werden:

 

 

Der Schoenste (21 von 17)

Der Schoenste (13 von 17)Der Schoenste (25 von 17-02)

Hier die limitierte Edition “Deux Paons” von Lalique aus dem Jahre 2014.

 

 

Lalique (17 von 24)Lalique (19 von 24) Hier die Edition “Cascade” aus dem Jahre 2010.

sherazadeLallick Tag (8 von 40)Lallick Tag (14 von 40)Und last not least die Edition 2008 im Flakon, der den Namen “Shéhérazade” trägt.

Die Parfums, die unter dem Label “Lalique” produziert werden, sind allesamt starke und eigenständige Kreationen. Lalique (31 von 22)

Auch die Herrendüfte sind empfehlenswert. Hier werden heute beim Flakon-Design u.a. Motive benutzt, die Lalique ab 1925 für die Motorhauben/Kühler von Luxuslimousinen entworfen hatte.

Laliquepourhomme2    Doublette 999-999-999-99-691

 

Bei den Damendüften muß man natürlich den großen Klassiker “Lalique de Lalique” hervorheben, einen eleganten Blumenduft, der manchen vielleicht ein bißchen “madamig”  vorkommt, den ich persönlich aber wesentlich ansprechender finde als so manche moderne Nischen-Komposition, die zumeist in einer öden puristischen, rechteckigen Glasflasche steckt. “Lalique de Lalique” ist zudem eine Kreation der großartigen Parfumeurin Sophia Grojsman, die meiner Meinung nach noch nie ein schlechtes Parfum komponiert hat.

Lalique (11 von 24)

 

Lalique (30 von 24) Hier das Eau de Parfum im Zerstäuber und das Extrait im limitierten Kristallflakon. Lalique (25 von 24)

 

Wer einen hochwertigen Duft in einem außergewöhnlich Gewand sucht, wird bei Lalique stets das Besondere finden.

 

 


Gute Düfte für kleines Geld

Seit Jahren beschäfte ich mich mit Parfums und erinnere mich noch gut an die Zeiten als die sogenannten “Nischendüfte” mich positiv überraschten, ja, geradezu begeisterten. Natürlich waren sie meistens teurer als Produkte aus dem Mainstream-Bereich, verzauberten aber durch ihre Andersartigkeit, ihre innovative Kraft  oder die besondere künstlerische Handschrift des Parfumeurs oder der Parfumeurin hinter der Marke (man denke an Patricia de Nicolai, Serge Lutens oder Bertrand Duchaufour). Mittlerweile jedoch ist der “Nischenmarkt” überheizt und “over-hyped” und es wird immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Alle Konzerne sind auf den Nischenzug aufgesprungen und bieten special editions an, die z.B. “Les Exclusifs” oder “La Collection Extraordinaire” heißen. “Rare Distribution” lautet hier das Marketing-Zauberwort. Völlig überteuerte Marken kämpfen um verwöhnte, kapitalkräftige Kunden, und man baut Parfum-Tempel, in die sich “Normalsterbliche”  kaum mehr hineintrauen. In einigen Tagen wird z.B. Roja Dove im Londoner Nobelkaufhaus Harrods eine noch schönere, noch edlere und noch exklusivere  Parfum-Boutique eröffnen als seine bisherige “bescheidene” Parfumhütte im obersten Stockwerk von Harrods. Dort wird dann die finanzstarke Elite hinpilgern und sich die neusten Kreationen andrehen lassen. Doch muß man wirklich 600 Euro für eine Flasche Wohlgeruch ausgeben? Sind die Unterschiede zwischen Billigsegment und Nobelwelt wirklich so gigantisch? Nein! Es geht auch günstiger.

Wer auf Türsteher im Livrée, glänzende Tragetaschen und das ganze Spitzenambiente einer Luxusparfümerie verzichten kann und zudem keinen Wert auf die äußere Hülle, sprich den Flakon, legt, der sollte weder vor Drogerie-Märkten, Durchschnitts-Kaufhäusern oder Internet-Anbietern zurückschrecken. Wer ein Parfum jedoch vor allem als Prestigeobjekt sieht und sich über einen hohen Preis auch gegen Stinkbomben aus der Flasche absichern will, der läßt sich sicher gern in den Nobelparfümerien der Welt bestätigen, einen hervorragenden Geschmack und Stil zu haben. Wie oft schon habe ich mir an diesen Orten blind tests gewünscht… – sowohl für die Kunden als auch für die Verkäuferinnen. So manche vermeintliche Billigmarke würde in einem Blindtest besser abschneiden als die Hochpreisigen.

Daher gibt es für mich nur ein Motto: Trust your nose, not your wallet! Try everything!

Zum Beispiel: AOUD oder OUD oder Adlerholz

Offensichtlich das Moschus der 2010er Jahre.  Alle Firmen haben mittlwerweile Aoud-Düfte im Programm – und täglich scheinen neue hinzuzukommen. Die Anbieter behaupten fast alle, ihr Aoud sei natürlich und super-hochwertig. Das kann ich nicht überprüfen. Doch auf jeden Fall ist es sehr seltsam, daß immer mehr und mehr Aoud-Parfums hergestellt werden – und dies bei angeblicher Ressourcenknappheit. Insider aus der chemischen Industrie haben mir schon vor fünf Jahren erzählt, daß man AOUD künstlich sehr gut und billig nachbilden kann. Noch Fragen?

SplendidArabiaGoldOud Diesen orientalischen Aoud-Hammer fand ich im Internet. (Preis 10 Euro). Wirkung nicht anders als bei hochpreisigen Aoud-Parfums.

Monday3 Und auch dieses arabische Duftöl ist getränkt mit Aoud, Gewürzen und Amber. (Preis circa 12 Euro).

Amüsanterweise mögen meine Freundinnen aus Syrien, dem Irak und auch aus dem Iran Aoud-Parfums  überhaupt nicht. “Altmodisch”, “langweilig”, “zu traditionell” waren die Schlagworte, die sie mir zuriefen, als ich ihnen verschiedene Aoud-Parfums (hochpreisige und günstige!) vorführte. Warum ausgerechnet der Westen, der in vielerlei Hinsicht mittlerweile durchaus als islamophob angesehen werden kann, in seinen Nobelparfümerien traditionelle Parfums aus “Arabien” zelebriert, ist eine Frage, die mich seit langem bewegt. Vielleicht geht es um die  Vereinnahmung eines für viele Westler enigmatischen Kulturkreises, der bitteschön brav so funktionieren soll wie wir es uns aufgrund unserer Lektüre von “1000 und eine Nacht”  vorstellen. Die Komplexität und Widersprüchlichkeit der modernen arabischen, in unserer Wahrnehmung “orientalischen” Gesellschaften wird negiert und die Vielfalt der Lebensentwürfe wird reduziert auf Klischées wie “Harem” und “raffinierte Verführung”, olfaktorisch ausgedrückt durch das omnipräsente AOUD.

 

Zum Beispiel: Günstige Nachbauten erfolgreicher Mainstream-Düfte

Wer echte preisliche Alternativen zu etablierten Marken sucht, sollte sich bei Jeanne Arthes umschauen. Die Firma produziert alle Parfums in Grasse, der französischen Duftmetropole.

guipureand silk “Guipure&Silk” erinnert an “Hypnotic Poison”. (Circa 10 Euro für 100 ml).

VanilleTropicale1VanilleTropicale2

“Vanille Tropicale” kann mit “Vanille Exquise” von Annick Goutal mithalten. “Vanille Tropicale” gibt es aktuell für circa 7 Euro im Drogeriemarkt.

Jeanne2Bild2 “Jeanne 2″ ist ein leichter, zitronig-holziger Duft, der an Diors “Escale a Portofino” erinnert. (Circa 10 Euro. Gefunden bei Karstadt in Gießen.)

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“Amore Mio Forever” ist den aktuellen “Nina-Düften” von Nina Ricci nachempfunden. (Circa 7 Euro bei Rossmann).

 

Eine weitere Parfum-Firma aus Grasse, die hervorragende Parfums anbietet, ist Fragonard. 

BelledeNuit2 “Belle de Nuit” ist beinahe identisch mit “J’Adore” von Dior. 200 ml von “Belle de Nuit” im nachfüllbaren Flakon sind für unter 30 Euro zu haben.

YoppyGoldenGlam In deutschen Drogeriemärkten bekommt man “Golden Glam” von Yoppy, das große Ähnlichkeit zu “Kenzo Amour” aufweist. Preislich allerdings um einiges “liebenswerter”: nur 7 Euro.

Rosa Rosa Floralia1 Die englische Marke “Floralia” entdeckte ich im Internet.

100 ml eines schönen Rosenduftes, der es jederzeit mit Paul Smiths “Rose” aufnehmen kann, kosten um die 10 Euro. “Rosa Rosae” hält lange und hat sogar eine hübsche Verpackung.

pashminapatchouliy Ein ausgezeichnetes Eau de Parfum mit der beliebten Patchouli-Amber-Note ist “Pashmina Patchouly” von Dr. Taffy aus Italien. Dieser Duft kann locker mit den gängigen Nischen-Patchoulis mithalten. Circa 15 Euro.

MysticHalfmoon2MysticHalfMoon1 “Mystic Half Moon” ist der Knüller! Wer einen ausgefallenen Flakon mit einem feinen, nicht aufdringlichen Duft sucht, sollte hier zuschlagen. Anklänge an “Lolita Lempicka” sind sicher nicht zufällig. Circa 10 Euro.

Zum Beispiel: Zwei TOP – Supermarkt-Düfte aus Frankreich und Italien 

choc2 Ein Chypre-Duft, der mich begeistert und den ich in Frankreich bei “Auchan” für 13 Euro im Regal stehen sah: “Choc” de Cardin.

PinoSilvestre1 Ein klassischer Herrenduft, den man in Italien in jedem Supermarkt findet: “Pino Silvestre”. Fantastisches Preis-Leistungsverhältnis. Circa 12 Euro.

 

Zum Beispiel: Ein ausgefallener Fruity-Floral in einem künstlerisch gestalteten Flakon

Holly Sharpe1  Es muß nicht immer Harrods sein, Marks&Spencer tut’s auch. “Holly Sharpe” riecht auffallend anders als der Mainstream und erfreut mit einem künstlerischen Design. (Circa 12 engl. Pounds).

Übrigens: Die Duftinflation der letzten Jahre macht es immer schwieriger, sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen. Im Jahr 1980 kamen 59 neue Parfums heraus. 1985 waren es 79, fünf Jahre später 105. In diesem Jahr kamen von Januar bis Oktober 2014 bereits 1650 (!!!!) neue Parfums auf den Markt. Und allein von 2010 bis heute insgesamt 8010 verschiedene Neuerscheinungen. Der Markt kennt seit Jahren nur noch gigantische Zuwachsraten. Doch die Qualität schwindet – und die Ideen auch. Es wird kopiert und wiederholt was das Zeug hält…- daher lohnen sich Vergleiche in allen Segmenten. Gerade die Megaseller werden schnell und gut von den “Niedrigpreisigen” nachgemacht und da die meisten Hersteller ohnehin nur noch synthetische Stoffe verwenden (sie werden ja von der EU dazu gezwungen, die wiederum die Interessen der chemischen Industrie vertritt), kann man zu vielen Mainstream-Düften oft günstigere Kopien in Drogeriemärkten etc. finden.  Also: Weg mit den Vorurteilen und Nase auf für alles, was irgendwie (sei es über den Flakon, den Preis oder die Verpackung) Interesse zu wecken vermag.


The Perfume Collector – a disappointing novel by Kathleen Tessaro

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If you’re in any way perfume-addicted like myself, the title of this 465-pages long paperpack will certainly entice you. I have to admit that in spite of its tacky cover and the slogan “The Sunday Times Bestseller”, The Perfume Collector was a book which aroused my interest.

But unfortunately, Kathleen Tessaro is an author who can’t be compared to Virginia Woolf or Katherine Mansfield, Zadie Smith or Nick Hornby. No quality literature, not even quality entertainment in her book. Tessaro’s narrative technique is rather simple with a third-person narrator, a panoramic mode of presentation and a story which shifts in time offering non-chronological sequences to enhance it a bit and make it look a bit more fancy and less primitive.

Well, I don’t mind Tessaro’s approach, but I need a good story in order to be interested in reading on. The plot structure and the way tension is produced in this novel are essentially connected with the element of time. Grace Monroe, the heroine of the story, finds out about her real mother who was a perfumer’s muse back in Paris in the 1930-40’s, but who sadly lost her life to alcohol and loneliness. Grace’s mother even created a full perfume herself, but never worked as a genuine perfumer, since circumstances and fate worked against her. So sad, so deplorable. The poor woman. I nearly shed some tears…

Anyway, you will have to endure reading 97 (!!!) dull pages until “perfume” is mentioned for the first time in this book. The plot is shallow and devoid of any interest. You could even call it absurd, especially when the adopted high-society-girl Grace learns that her mother Eve used to work as her own bay-sitter and was expelled from Britain in 1935.

My opinion: The – obviously- very trendy subject of perfume, treated in a sentimental and kitschy fashion in this book, merely provides the background to a preposterous story I wasted my time on.

Don’t waste yours.


La Maison Dorin – eine wundervolle Entdeckung

Am 16. und 17. Juni fand in Düsseldorf die “Global Art of Perfumery” statt, eine Parfum-Messe, die Nischenmarken und Parfumhäuser der gehobenen Luxuskategorie präsentierte.

Für mich war das Parfumhaus Dorin das HIghlight der Messe, das bei mir den besten und nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat.

Dorin d'Or Coffret Trio croppedAlleine schon die außergewöhnlich schöne Präsentation der Düfte läßt vermuten, daß es sich bei diesem Haus um eine ganz besonders traditionsreiche und qualitativ hochwertige Marke handelt. Und wirklich, Dorin kann auf eine Geschichte verweisen, die bis in das Jahr 1780 zurückreicht. In diesem Jahr erreichte das Maison Dorin nämlich bereits als einziges in der Geschichte Frankreichs den Status des  Hoflieferanten des Versailler Adels. Begründet wurde die Marke von der Schauspielerin und Theaterexpertin Mademoiselle Montansier, die den Versailler Hof mit Puder, Schminke, duftenden Salben und Wässerchen versorgte. Ein erster Katalog der Produkte des Hauses erschien 1814, die kosmetischen Erzeugnisse wurden auf internationalen Ausstellungen in Paris, Moskau (1891) und Chicago (1893) gezeigt. 1905 wurde DORIN für sein Wangenrouge (auch für die Bühne geeignet) mit einem Grand Prix ausgezeichnet.

DORIN überlebte in seiner ursprünglichen Form als Kosmetik-und-Parfumhersteller nicht, obwohl das Haus den Lippenstift erfunden haben soll. Doch zum Glück wurde DORIN 1993 durch den Syrer Bashar Nasri und dessen Familie wiederbelebt. Nasri erwarb die Markenrechte und arbeitet bereits seit über 20 Jahren als Bewahrer und Weiterentwickler einer großen Tradition. Sogar ein kleines Dorin-Museum gibt es in Chatou (in der Nähe von Versailles), wo man alles Sehens-und-Wissenswerte zum Thema Maison Dorin bewundern kann. (www.maisondorin.com). Und sehenswert sind die Flakons und Puderdöschen, die Lippenstifte und Werbeplakate aus einer längst vergangenen Epoche allemal.

Die heute erhältiche Flakonform lehnt sich an die Flasche des berühmten Dorin-Parfums

Un Air de Paris aus dem Jahre 1886 an.Un Air de Paris Classic

Reminiszensen an den Eiffel-Turm spiegeln sich ebenso im Design wie die klassische Amphoren-Form, die auf das traditionsreiche Erbe des Hauses hinweisen soll.

Doch wie riecht Un Air de Paris, das Parfum, welches Bashar Nasri als erstes wiederauflegen ließ? Es riecht blumig-pudrig, mit einem Herz aus Rose, Ylang-Ylang, Iris, weißem Pfirsich und einer weichen Basis aus Moschus und Sandelholz. Sehr nostalgisch und in der besten französischen Parfumtradition hergestellt, steht Un Air de Paris  den großen Guerlain-Parfums in nichts nach.

Die Parfum-Kollektion des Maison Dorin ist sehr umfangreich und läßt keinen Wunsch unberücksichtigt. Un Air de Paris wird als “Floral”, “Fruity” und “Spicy” angeboten, wobei mir persönlich die “florale” Variante am besten gefällt, da sie im Herzen Narzisse, Nelke und Zimt enthält und mich aus irgendeinem Grund an “Dioressence” erinnert, allerdings an das “Dioressence”, das es seit Jahren nicht mehr gibt.

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Dem syrischen Erbe des Parfumhausinhabers wird in der Linie Un Air de Damas Rechnung getragen. Nasri, selbst in Damaskus geboren, präsentiert vier wundervolle Soliflores. Rose, Jasmin und Tuberose (alle übrigens perfekt) sind fast jedem bekannt, doch die außergewöhnlich seltene Blume Fullah, auch eine Jasminart, nämlich Sambac-Jasmin, wurde in der Parfümerie bisher noch niemals vorher in dieser Form verwendet und duftet unbeschreiblich zart und bezaubernd. Wem herkömmlicher Jasmin zu indol-betont ist, der sollte unbedingt Fullah aus dem Maison Dorin testen.

Un Air de Damas Fullah

Die Linie Un Air d’Arabie verbindet die französische und die arabische Parfumtradition miteinander und wird als Oud, Ambre, Musk und Taif Rose allen Ansprüchen an feine und erlesene Nischenprodukte gerecht, wobei mir besonders Ambre gefällt, ein Duft, der von großer Würze und Tiefe ist.

Un Air d'Arabie Ambre

Weitere exquisite Parfums bietet das Haus mit den Extraits aus der Serie La Dorine, einer Reihe, die dem Erbe der Mademoiselle Montansier gewidmet ist.  Charmeuse, Passionée oder Romantique heißen diese Kreationen, die mich jedoch weniger überzeugten als ich erwartet hatte. Mein persönlicher Favorit aus dem Maison Dorin heißt: Un Air d’Amour.

Diesem außergewöhnlich schönen Parfum widme ich schon bald einen eigenen Blog-Artikel.

 

 

 

 

 

 

 


Gib mir Tiernamen!

pantheregeilImmer wieder muß die arme gequälte Tierwelt herhalten, wenn es gilt, einen angeblich umwerfenden, atemberaubenden, erotischen “Ultraduft” zu vermarkten. Besonders beliebt sind Großkatzen, die wir oft mit besonderer Klasse, Geschmeidigkeit, Raffinesse, Kraft und Exotik verbinden. Fabergé brachte schon 1938 ein Parfum mit dem Namen Tigress heraus und auch im Jahre 2006 hatte der Löwe als Assoziationsträger noch nicht ausgedient, wenn auch nur in dem verniedlichenden Parfumnamen Let me play the lion von LesNez. 

leopradDoch es gibt auch Leoparden, Antilopen (seltsamer Ausreißer: Antilope Weil, 1945, bis heute verstehe ich den Namen Antilope im Kontext mit einem Parfum nicht) und einige Tiger in der bunten Welt der Parfumfläschchen.

Espritdutigre Heeley beschwört den “Geist des Tigers” (ja, dieser Duft riecht wirklich nach dem bekannten Tigerbalsam), und Kenzo brachte in den 90er Jahren eine Tigerin als Ergänzung zum Elefanten (leider schon vom Markt verschwunden, diese Katze, obwohl sie gut roch!)

JungleTigress

Kenzos Duft, der seit 1996 auf dem Markt ist und angeblich aus dem Dschungel kommt, riecht stark nach Pflaume und Zimt, und dies so unverwechselbar und stark, daß andere Parfum-Tiere nicht gegen ihn anstinken können. Ein echter Elefant eben. KenzoElephant

Heute würde wohl kein Mainstreamduft mehr auch nur den Hauch einer Chance auf dem Markt haben, wenn er so individualistisch und brachial daher käme wie Kenzo Jungle Elephant. Zwar sind Wildtiere und hier besonders Raubkatzen weiterhin schwer en vogue, doch kann der neue Panther-Duft von Cartier (2014) trotz einer extrem aufwendigen Werbekampagne und einem klobig-protzigen Flakon nicht halten, was der Name verspricht.  Noch vor einigen Tagen las ich einen Reklametext zum Produkt, der die Bezüge zwischen dem Panther-Motiv in Cartiers Schmuck-Kollektionen und dem neuen Parfum verdeutlichen sollte. Schmuckstücke mit Panther-Ornamenten gibt es bei Cartier schon seit fast 90 Jahren. Interessanterweise wurde in der Werbung mit keinem Sterbenswörtchen der alte Panther-Duft erwähnt, der anno 1978 das Licht der Welt erblickte und sehr viel ausdruckskräftiger war als das neue “Pantherin-Wasser”.  Der frühere Duft enthielt zum Glück keinen Rhabarber in der Kopfnote (ich mag dieses “Gemüse” oder ist es gar “Obst” ??? absolut nicht leiden). Rhabarber verleiht dem neuen Panthere-Parfum einen metallischen Touch, was schade ist, denn von der Grundkomposition her ist Mathilde Laurents Raubkatzen-Kreation gar nicht verkehrt. Nur will dieses Parfum eben too much. Vergeblich bemüht es sich, die “eierlegende Wollmilchsau” der modernen Mainstream-Parfümerie zu verkörpern: frisch, aber nicht zu frisch, blumig, aber nicht dominant floral, leicht ledrig-chyprisch, aber nicht zu streng, ein bißchen erotisch, aber nicht zu vulgär, transparent, aber nicht zu leicht…

Lapantherecartier

Euleklein

bellunatrio

Man braucht als ParfumeurIn wahrscheinlich die Weisheit einer Eule, um all den Ansprüchen gerecht zu werden, die an eine große Neulancierung heute gestellt werden. Oder man gibt Tiernamen, die einfach nur süß sind und vergißt den ganzen Exotik-Erotik-Kram! Hello Kitty, Bambi, Kaloo – willkommen beim Festival der Niedlichkeiten!

 BambiHelloKittywomanKalooTeddytasmaninadevilOkay, der Tasmanian Devil ist nicht niedlich! Er riecht aber harmlos. Fast so wie das Schäfchen von Avon SchafAvonUnd dann gibt es ja noch die unzähligen cats.

Die heimlichen Heldinnen der Tiernamen-Parfümerie, die harmlosen Hauskatzen! Anders als die Tiger und Panther, die Löwen und Leopraden, riechen die Kätzchen fast alle freundlich und fruchtig-floral. “Pussy Deluxe” tut sich hier als brand name besonders hervor, im englischen Sprachraum ist die Marke aufgrund ihres ziemlich “amüsanten” Namens nicht so beliebt wie bei uns, aber spätestens seit “Pussy Riot” sollten auch Deutsche wissen, was “pussy” auf Englisch neben Kätzchen noch bedeutet… 

Showcat2

Hier “Purr” (Schnurr) mit Flanker KatePerrykateperrycatrosa

und natürlich – Tierwechsel- ein Häschen für die ganz Kleinen: Kinderhasekaloo

Tierliebe Männer können sich wahlweise an einem Flakon mit Pferdekopf delektieren

Laliquepourhommepferdoder auch am berühmten Krokodil Essentialsportcrocodile – nur leider tragen diese Düfte gar keine Tiernamen, was mich zu der Vermutung veranlaßt, daß Werbestrategen meinen, daß Frauen eher auf Animalisches stehen als Männer. 

In der Vergangenheit waren es jedoch manchmal auch sehr unschuldige, untypische Tiere, die von der Parfumindustrie für ihre Zwecke eingespannt wurden:ColibriDralleKolibris oder gar Hundeflakon –  kleine Hunde. 

Wer einen sehr individuellen, nachfüllbaren Flakon sucht und ungefährt 500 Euro dafür ausgeben möchte, kann sich in Wien in einer Porzellanmanufaktur umschauen, wo ich  kürzlich dieses ausgefallene Objekt entdeckte:

SkelettkopfWien

Und wem der ganzen Hype um Tiernamen in der Parfümerie am Allerwertesten vorbei geht, der sollte einfach das folgende Gedicht lesen. Sagt mehr als 1000 Panther-Parfums…

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris


Sehnsucht nach echtem Parfum! Where is the real “extrait”?

… partout où vous souhaiteriez être embrassée…

Die meisten “Düfte” kommen heutzutage nur als Eau de Parfum oder Eau de Toilette in Sprayform auf den Markt. Eau de Parfum im Zerstäuber ist wohl die weitverbreitetste Darreichungsform, während das konzentrierte Parfum, das Extrait, nur noch von wenigen Firmen angeboten wird, z.B. von französischen Traditionshäusern wie Chanel, Caron oder Guerlain. Dabei galt früher der Grundsatz, daß eine Parfümierung “comme il faut” ohne das Extrait gar nicht vorstellbar wäre.

“Déposer quelques gouttes d’extrait « partout où vous souhaiteriez être embrassée » –   Verteilen Sie einige Tropfen Extrait, “überall dort, wo sie geküßt werden möchten”, das ist der berühmte Ratschlag von Gabrielle Chanel. Weiterhin empfehlen französische Expertinnen besonders den Nacken bzw. Haaransatz und natürlich die berühmten Tröpfchen “derrière les oreilles”, also hinter die Ohrläppchen.

Erst nach der Parfümierung mit dem Extrait verwendet die noch dem klassischen Esprit verbundene Anwenderin ein Eau de parfum oder Eau de toilette in Sprayform: “Une fois parfumée avec votre extrait, vaporisez l’eau de parfum ou bien l’eau de toilette en traçant un triangle du sommet de vos cheveux à l’intérieur de votre veste”, riet mir die Inhaberin einer kleinen Parfumerie im Quartier Latin schon vor vielen Jahren.

Der erste Schritt wäre also heute, am 1. Mai, an dem Traditionsbewußte gerne ein Maiglöckchen-Parfum auflegen, die Parfümierung aus diesem Flakon:

Muguet de bonheurMuguetdebonheurparf

Erst nach dem Extrait würde im Idealfall das Vaporisieren jener Variante erfolgen:

Muguetdubonheurspray oder Muguet

Leider sind die hier gezeigten Versionen von Carons Muguet de bonheur allesamt “Oldtimer”.

Auf der Webseite von Guerlain lesen wir:

Parfum – auch „Extrait” genannt – ist die am höchsten konzentrierte und somit getreueste Ausführung eines Parfums. Ein Extrait wird so konzipiert, dass er eine Art Osmose mit der Haut eingeht: Bei Hautkontakt entsteht eine spezifische Reaktion, die sich bei jeder Frau anders äußert. Einige wenige Tropfen auf der Innenseite des Handgelenks, auf Ellenbogen, am Halsansatz, am Haaransatz und in der Vertiefung des Dekolletés offenbaren ihren Duft im Laufe der Zeit mit den Bewegungen ihres Trägers, ohne aufdringlich zu wirken.”

Wie traurig, (ja, ich wiederhole mich) daß sich die meisten Firmen gar keine Extraits mehr herausbringen. Die Geste des Sich-Parfümierens aus einem Flakon, der oft in einer besonderen Schatulle steckt, dieser intime Moment, den viele Parfum-Liebhaberinnen noch vor einigen Jahren gern zelebrierten, scheint langsam “dem Untergang geweiht”. Das hört sich melodramatisch an. Aber waren die Extraits nicht die Highlights jeder Sammlung, die kostbarsten Geschenke, und kamen sie nicht in den schönsten Flakons zu uns?

Ich vermisse sie! Ich vermisse echte, konzentrierte Parfums, z.B. die Extraits von

Diorling, Lady Caron oder Madame Rochas, Für die Schahle 18 LadycaronschiefMadameRochasparf

MissoniparfenavrilunsoirparfrivegaucheparfSandrineparfMissoni, Yves Rocher, Sandrine de Chéramy, Blue Grass, Magie noire, Shocking de Schiaparelli...

BluegrassvintageMagienoireparfShockingParfSuperParfEsteeL

Als besonders schmerzlich empfinde ich das Verschwinden der Extraits von Estée Lauder oder auch das Aussterben der vielen, sehr dekorativen, nachfüllbaren Taschenzerstäuber, die es von den meisten Parfums früher zu kaufen gab. Das Photo zeigt eine Auswahl von Guerlain und Rochas.Vintage purse spraysCoriandreparf (2)

tendanceparfVivreparf

Selbst viele “günstigere” Firmen produzierten Extraits, hier z.B. ein Flakon von Marbert (Tendance Parfum) oder von Molyneux (Vivre). Weiter unten ein Extrait von 4711 aus Köln, der Duft hieß “Parfum Parfum“.  Bandit von Piguet ist auch nur noch als EdP in der Sprayflasche erhältlich, seitdem eine US-amerikanische Firma die Rechte an dem Duft erworben hat. Ein Extrait von Climat hat heute Seltenheitswert, gleiches gilt für J’ai osé oder Youth Dew, Cinnabar oder Miss Worth. 

 

banditJ'aioseparfClimatParf4711parfumChloéExtraitKrissGuerlain

celuiJeanDessesFleur de FeumissworthYouthDewparfumCinnabarparf  Was bekommen wir dagegen heute? Sprayflaschen, die sich meistens nicht öffnen und nicht wiederverwenden lassen und deren Hauptbestandteil Plastik ist.

 

ArmaniparfNein, nicht solche Design-Meisterwerke wie diese Flasche von Armani aus den 80er Jahren.

Sondern eher Entwürfe wie

CosmicRadiance1 oder CKoneShock oder auch Doublette 999-833.

Wobei ich nicht verschweigen möchte, daß die sich in diesen Containern befindlichen aktuellen Düfte meistens so miserabel sind, daß sich die Produktion eines Extraits dieser Marken nicht lohnen würde.

Pure Perfumes, gorgeous extraits, I miss you!

Gläsernes Herz 99-99-99-99-99-99-99-99-40Aber 1000000000x mehr vermisse ich …   meinen Vater. Doch das ist eine andere Geschichte.

(für H.A. 28.8.33.-1.5.2010).


Im Dickicht der Düfte oder “how can I cut the crap”?

Ein neues Jahr – und schon läuft die Werbemaschinerie weiter, sie steht ja sowieso niemals still. Neue duftende Industrie-Produkte sind angekündigt, Ankündigungen für die allerneusten Flanker gehen bei mir ein, dabei habe ich noch nicht ‘mal geschafft, die Best-Of-Listen meiner Blogger-Kollegen durchzugehen, die sich auf 2013 beziehen, kenne nicht alles vom letzten Jahr. Stress kommt auf, doch bevor ich diesem Gefühl des Gehetzt-Seins nachgebe, lasse ich Fakten sprechen.

Die Datenbank der größten deutschen Parfum-Community “Parfumo” weist für das Jahr 1968 genau 24 Parfums auf, die in diesem Jahr lanciert wurden. Zehn Jahre später, 1978, waren es 83 Neuerscheinungen. 1988 immerhin schon 144, 1998 lag die Zahl bei 259.

Aber 2008 konnte die Kundin bereits 1256 neue Parfums ausprobieren – und ACHTUNG – letztes Jahr sogar 2451.  Im Schnitt müßte eine Parfumkritikerin täglich bis zu sieben neue Düfte testen, wenn sie alle Neuerscheinungen riechen wollte.  Eine nicht zu bewältigende Aufgabe, vor allem, wenn man bedenkt, daß die meisten dieser Produkte innerhalb von zwei Jahren wieder vom Markt verschwinden, weil sie schlecht, nichtssagend oder die Kopie der Kopie der Kopie von einem erfolgreichen Duft sind. Firmen wie Escada präsentieren jedes Jahr einen neuen Frucht-Duft für junge Frauen, letztes Jahr war es “Cherry in the Air”,

escada_cherry2-9 dieses Jahr wird es “Born in Paradise” sein.

Douglas schickte mir eine Einladung zur “Vor-Premiere”: Ich könnte den Duft jetzt schon (blind!) bestellen, bevor er in ein paar Wochen sowieso überall zu haben sein wird. Nun, ich verzichte gern.

2012 und 2013 wurden auch insgesamt vier Düfte auf den Markt geworfen, die die Popularität der James-Bond-Serie ausschlachten – keiner dieser Langweiler erinnert auch nur im entferntesten an die Kino-Helden. Selbst Flakon und Verpackung sehen billig aus. 007quatum2-8

Jedes Hollywood-Sternchen, jeder Sänger, jeder Teenie-Star vermarktet seinen Namen mittels eines Duftes:

justinbiebergirlfriend

Justin Bieber, z.B., bringt auch jährlich mehrere Düfte heraus, die fast alle identisch riechen, von Beyoncé, Jennifer Lopez, Katy Perry, Rihanna, Christina Aiguliera, Nicki Minaj etc. ganz zu schweigen.

Die Fülle an billigen “aromachemicals”, die z.B. in Deutschland von Symrise hergestellt werden, ermöglicht die Produktion von immer neuen, stets identisch riechenden Wässerchen. Sie sind vom Duft her auswechselbar, während ihre Verpackungen/Flakons immer bunter und aufwendiger werden.

LovestruckglowlopezcrazymuskcollectionvarensIslandfantasy

“Aromachemicals” von Symrise finden sich nicht nur in Düften zum Aufsprühen, sondern auch in Schokolade (siehe die aktuelle “Ritter-Sport-Debatte”) , Joghurt, Müsli, Tee und Fruchtsäften. Unser gesamter Alltag scheint “durcharomatisiert” zu sein. Was diese zugesetzten Aromen für unsere Gesundheit bedeuten, vermag ich nicht zu beurteilen, doch  positiv werden sie sicherlich nicht auf den Organismus wirken.

Ich nehme zudem wahr, daß seit einiger Zeit besonders Weichspüler Trends aus der Mainstream-Parfümerie aufgreifen. Sie riechen jetzt auch schon wie gängige “Fruity-Florals” oder behaupten, ihre Verwendung sei so gut und sicher wie “natürliche Aromatherapie”.

Kein Wunder, daß es immer mehr Menschen gibt, die den künstlich parfümierten Alltag ablehnen und die Marketing-Strategien der Chemie-Giganten durchschauen. 2451 neue Parfums aus dem Jahre 2013 sind garantiert nicht 2451 neue olfaktorische Kunstwerke, die in jahrelanger Feinarbeit von begnadeten Parfümeuren kreiert worden sind, sondern die Zahl steht vor allem für eine Expansion der chemischen Industrie, die es geschafft hat, Parfum zu einem billigen Massenprodukt zu machen, das riesige Profite erzeugt.

Für dieses Jahr sind bereits folgende Neulancierungen angekündigt: Cool Water Night Dive, Endless Euphoria, Eau de Lacoste Sensuelle, La petite robe noire Couture, La tentation de Nina, Hilfiger Woman Flower Rose, Manifesto L’Eclat, Signorina Eleganza…

es sind fast auschließlich “Flanker”, also Variationen des schon längst Gesagten, Wiederholungen des Themas aus dem letzten Jahr in leicht anderer Verpackung mit einem neuen Untertitel. ‘Mal sehen, wieviele Neuerscheinungen am Ende des Jahres 2014 in den Datenbanken gelistet sein werden. Mehr als 2500? Ich befürchte es. Und weigere mich, diese Flut an Industrieprodukten auszuprobieren. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes die Nase voll.

 


Blick in meine Sammlung: Russische Vintage-Parfums

 

russensemblegeil

Heute noch echte Parfums aus Zeiten der Sowjetunion aufzutreiben, ist gar nicht so einfach. Ich habe den Vorteil, schon im Jahre 1982 (als Schülerin) mit einer Gruppe nach Moskau, Leningrad und an den Baikal-See gereist zu sein und damals bereits Parfumflakons gesammelt zu haben. Einige Exemplare in meiner Sammlung sind daher echt „vintage“ – und alle bringen sie Erinnerungen zurück.

Als Mädchen aus Westdeutschland verblüffte es mich zunächst, daß die meisten Parfums, die ich 1982 teilweise für weniger als einen Rubel kaufen konnte, so extrem blumig und aus meiner damaligen Sicht als Teenager „damenhaft“ rochen. Keiner der Düfte gefiel mir, aber die Flakons wollte ich trotzdem für meine Sammlung. Irgendetwas mit „СССР“ stand auf den Verpackungen drauf (damals konnte ich noch kein Russisch, das kam später). Und so besitze ich noch heute einen Flakon von «Русь» (Rus) oder von “Sardonisk”.

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Als ich 1991 gerade nach der Wende in die sich auflösende Sowjetunion reiste, gab es dort bereits eine Vielzahl von französischen und US-amerikanischen Parfums, doch diese interessierten mich als Sammlerin nicht. Ich wollte etwas „Landestypisches erwerben. Also schenkte mein damaliger russischer Verlobter mir „Rotes Moskau“, einen Duft, den er übrigens selbst ganz schauderhaft fand. Offensichtlich roch man ihn in Rußland an jeder Ecke und vor allem an „älteren Matronen“ (sein Eindruck damals), für mich war „Rotes Moskau“ komplett neu und gefiel mir in seiner Schwere und nelkenlastigen Würze sogar gut.

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Wie ich heute weiß, ist „Moscow Rouge“, das immer noch hergestellt wird, leider in den letzten Jahren verwässert worden. Die Version, die ich 2012 kaufte, kann man nicht mit der aus dem Jahr 1991 vergleichen. Zudem ist, was viele vielleicht nicht glauben mögen, für meine Nase eine Tatsache: Die sowjetischen Parfums enthielten hochwertige Zutaten, z.B. hohe Anteile an natürlichen Blütenölen und die Produktionsstandards wurden vom Staat hochgehalten. Wenn ich betrachte, was die Firma Novaya Zarya, die heute die meisten russischen Düfte herstellt, jedes Jahr auf den Markt wirft, ist leider von Qualität nicht mehr viel zu spüren. Alle Klassiker sind reformuliert worden (z.B. auch Russkaya Krasavitza oder Taina).

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Warum sollten es die Moskauer Firmenchefs anders machen als die großen weltweit agierenden Chemiekonzerne? Doch gerade die Russen hätten auf dem Parfumsektor ein großes kulturelles Erbe zu bewahren und einen Ruf zu verteidigen. Die Firma „Bokard“ (Брокар), aus der Novaya Zarya hervorgegangen ist, wurde 1864 gegründet. 1889 gewann die Firma auf der Weltausstellung in Paris z.B. eine Goldmedaille für den Duft«Персидская сирень» (Persische Sirene).

Heute rümpfen die meisten Russinnen und Russen nur die Nase, wenn ich sie auf Parfums aus ihrem Heimtland anspreche. Dabei geben sie Unmengen an Geld für Düfte und Kosmetik aus; gerade die extrem teuren Marken wie Clive Christian oder Xerjoff stehen dort hoch im Kurs. Parfümerien gibt es in den Großstädten auf Schritt und Tritt („gefühlt“ viel mehr als in Deutschland) und ich kenne keine einzige Russin, die sich nicht parfümiert. Doch wer will schon nach dem Parfum der Babuschka riechen, das es bereits zu Stalins Zeiten gab (nämlich „Rotes Moskau“)? Die sowjetischen Düfte sind ideologisch belastet; kaum jemand, der aus der damaligen UdSSR stammt und über 40 Jahre alt ist, kann sich diesen Parfums zuwenden, ohne den Hintergrund mitzubedenken oder gar „mitzuriechen“. Auf der anderen Seite lese ich in der letzten Zeit oft euphorische Kommentare von Sammlern, die bei der Beschreibung von Düften aus der UdSSR in Klischées schwelgen. Es fängt mit der „russischen Seele“ an und hört mit endlosen Beschreibungen einer von den meisten noch niemals bereisten, aber mit Fantasie und Vergnügen imaginierten Taigalandschaft inklusive Holzhäuschen und Wodkagelage auf.

Was mich zu der Frage verleitet: Falls es einen „Nationalcharakter“ gibt, bildet er sich dann etwa in Parfums ab? Wie aufgeladen mit Stereotypen sind Düfte und unsere Wahrnehmungen derselben?

65letrusskajaschal2Parfums 19.11.13 (33 von 28)

Ach ja, ich bin übrigens eine überzeugte Anhängerin von „blind tests.“ Wie gern würde ich jedes Parfum grundsätzlich BLIND testen. Ohne Angabe des Herkunftslands, des Namens, des Parfümeurs, der Inhaltsstoffe und des Preises. Zu diesem Bekenntnis paßt zum Schluß das gleichnamige Parfum… 

prisnanije1prisnanije2