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Der Parfum-Blog

Archive for the ‘Parfumkritiken: Englische Parfumhäuser’ Category

Clive Christian: Der Nobelduft in Moskau

Nachdenken über Christian, C.

Seit genau 30 Jahren reise ich nach Rußland. 1982, Breschjenev war noch an der Macht, gab es außer Bannern mit kommunistischen Slogans in den Straßen Moskaus und an den Häuserwänden keine „Werbebotschaften”. Und außer einigen Parfums aus heimischer Produktion („Moscow Rouge“) konnte selbst ein neugieriger Teenager wie ich damals nichts finden, was sein duftbesessenes Herz hätte höher schlagen lassen.

Im Juni 2012 bot die Osmotheque in Versailles einen spannenden Workshop an, an dem ich gern teilgenommen hätte: „Gesellschaftlicher Wandel im Spiegel der Entwicklung der Parfumindustrie.“ Die Metamorphosen der russischen Gesellschaft könnten als Paradebeispiel für eine solche Analyse herhalten.

Ich will hier jedoch keinen sozialpsychologischen Essay schreiben und überspringe die letzten dreißig Jahre, setzte gleich im Januar 2013 an. Auf meinem Weg ins Parfum-Eldorado Moskaus, ins Kaufhaus „ZUM“, nehme ich die Media-Markt-Reklame wahr. Die eindrucksvollen, meist aus der Stalinzeit stammenden Tempel der Moskauer U-Bahnstationen wurden mit Media-Markt-Reklame bombadiert und das typische Media-Markt-Layout sieht auf Kyrillisch so häßlich aus wie auf Deutsch. Zusammen mit den Kronleuchtern und dem Marmor in der Station „Platz der Revolution“ ergibt die Werbung hier eine besonderes krasse Ästhetik. Große Firmen dürfen in Moskau überall ihre „Meinung“ äußern. Bürgerrechtler dürfen das nicht… – doch das ist ein anderes Thema.

Kaufhaus ZUM in Moskau steht Harrods in London in nichts nach. Alle sind da, sogar Roja Dove mit einem großen Stand, das Maison Guerlain mit seinen „Exklusiv-Düften“ – und Christian, Clive. Ja, der Clive … mit einem neuen Duft, schlicht „C“ genannt. Dieser kostet schlappe 800 Euro, also 32.000 Rubel. 8000 Rubel beträgt die Monatsrente Rente einer durchschnittlichen russischen Babuschka (Oma).

Doch hier in Rußland sind die Maßstäbe anders. Wen interessiert die Oma aus dem heruntergekommenen Dorf vor der Mega-City? Ins ZUM kommen die Reichen und die Superreichen – und von dieser Sorte gibt es immer mehr in der Metropole. Christian und Co. sind hier also richtig aufgestellt. Und natürlich „Xerkoff“ oder „hoff“ (ich weigere mich innerlich, diesen Namen korrekt zu memorieren), wie konnte ich diese hochgehypte Firma nur vergessen.

Am Abend läd uns die wohlhabende Tante meiner Tochter, die einen Top-Job bei Gasprom hat, in ein schickes Restaurant ein. „Cash Flow“ heißt es – wie passend. Der Nobelschuppen befindet sich in einer Einkaufspassage in der Nähe des Roten Platzes. Im Eingangsbereich erlebe ich meinen „Clive Christian-Moment of the Year“: Hier hat man eine kleine Verkaufsbude aufgebaut, einen Stand, an dem gestresste Oligarchen oder deren Chauffeure noch schnell ein Mitbringsel für die verwöhnte Gattin oder Geliebte erstehen können. Wohlgemerkt, es handelt sich nicht um eine Parfümerie, sondern nur um einen Verkaufsstand vor einem Restaurant. Und welche Parfums kann man hier erwerben? Die goldenen Flaschen von „Clive Christian“, of course. Und ein paar Pullen mit Xerkoff-roff-stoff… – die bemerke ich auch noch. Ein wirklich feines Büdchen-Sortiment. Alles andere wäre einfach zu profan und brächte zu wenig „cash flow“.

Am nächsten Tag wähle ich das Gegenprogramm, mache mich auf ins Geschäft der Firma „Novaya Zarya“. Doch es erwartet mich eine Enttäuschung. Fast alle aktuellen russischen Parfums sind schlechte Kopien von westlichen Mainstream-Düften. Jene, die früher ‘mal ein eigenes Profil hatten („Rotes Moskau“, z.B.) wurden reformuliert und riechen flau und fad. Ich kaufe ein Fläschchen Rosenwasser fürs Gesicht und eine Kopie von „Fidji“, das hier „Fiesta“ heißt.

That’s it.

Der von mir am meisten geschätzte englische Parfum-Kritiker auf „Basenotes“ hat sich vor einiger Zeit dort abgemeldet und alle seine Reviews gelöscht. Als Grund gab er an, daß er seit einigen Jahren keine neue Kreation mehr gerochen habe, die als Kunstwerk gelten könne. Er sei gelangweilt und abgestoßen vom Kommerz und der immer weiterausufernden Verflachung auf dem Parfumsektor. Der Mann spricht mir aus dem Herzen.

Ich habe den neuen „Clive“ gerochen – RIEN. Nichts, aber auch nichts an diesem Parfum rechtfertigt den hohen Preis. Und ich könnte jetzt noch ein paar andere Düfte aufzählen, die es am Büdchen vor dem „Cash-Flow-Restaurant“ gab.

Aber ich bin trotzdem noch nicht komplett desillusioniert. Ich bin weiterhin neugierig und rieche an allem, immer in der Hoffnung, doch ‘mal wieder ein Meisterwerk zu entdecken. Die Düfte von Christian, Clive, gehören nicht dazu. Matrioschka01