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Der Parfum-Blog

Archive for the ‘Kritiken allgemein’ Category

Parfum wird überbewertet

AAJale1970

Dies ist mein letzter Blogeintrag. Ich beende die Arbeit an dieser Webseite, denn die Beschäftigung mit Düften ist für mich persönlich zu einem sinnentleerten Unterfangen geworden. Zum Thema Parfum habe ich alles gesagt und geschrieben, was mir wichtig erschien. Ich habe eine wunderbare und erfolgreiche Ausstellung mit meinem Parfumflakons gestalten dürfen, die in einem deutschen Museum ein halbes Jahr lang zu sehen waren.

Mein Buch “99 Duftballons” war die Realisierung eines Lebenstraumes… – mehr als 700 Parfumkritiken habe ich online verfasst. But enough is enough. 

Weiterhin die unzähligen, langweiligen Neuerscheinungen auf dem Duftsektor zu besprechen, ist blödsinnig. Seit einigen Jahren kommt einfach NIX mehr heraus, was mich begeistert. Mein Geschmack wandelt sich nur noch wenig. Chypre-Düfte sind mir die liebsten, außerdem mag ich Ledriges im Stil von “Bandit” oder orientalische Düfte mit viel Patchouli sowie sehr frische, grüne und zitrige Parfums. Ich kenne meine Vorlieben und will mich nicht mehr mit all den stromlinienförmigen Neuerscheinungen befassen. Schließlich muß ich einen Duft ein paar Stunden tragen, um über ihn schreiben zu können. Aber das Leben ist viel zu kurz für schlechte Parfums. Daher werde ich in Zukunft nur noch jene tragen, die mir wirklich gut gefallen und endlich damit aufhören, Durchschnittliches oder Banales zu testen, um Kritiken zu verfassen. Die schrecklichen Reformulierungen tun ihr übriges, um mich immer mehr abzuschrecken.

Und außerdem… Parfum wird überbewertet. Eine häßliche Frau wird nicht schöner durch Parfum. Eine sexy Ausstrahlung kann man sich nicht aufsprühen – auch wenn die Industrie will, daß wir das glauben. Ich kenne niemanden, der nur aufgrund eines Parfum mit jemand anderem ins Bett gegangen wäre. Daher ist die Frage, die immer wieder gestellt wird: “Welcher Duft ist der mit dem größten Sex-Appeal?” zwar amüsant, aber letzten Endes dumm. Es gibt einen solchen Duft nicht. Verführung und Erotik kommen nicht aus einer Flasche, sondern gehen von Gestik, Mimik, der Stimme, vom Körper, den Augen, von einem Lächeln aus. Ein schönes Parfum kann die eigene Aura positiv unterstützen, aber das Parfum allein bewirkt gar nichts und wird niemals der Grund für einen anderen Menschen sein, sich in DICH zu verlieben.

Adieu aux parfums! Point of no return…

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P.S. Wer mich vermissen sollte: Auf www.parfumo.de bzw. parfumo.com schreibe ich noch ab und zu ein “Statement” oder einen Kommentar. Username: GOLD. 


Gute Düfte für kleines Geld

Seit Jahren beschäfte ich mich mit Parfums und erinnere mich noch gut an die Zeiten als die sogenannten “Nischendüfte” mich positiv überraschten, ja, geradezu begeisterten. Natürlich waren sie meistens teurer als Produkte aus dem Mainstream-Bereich, verzauberten aber durch ihre Andersartigkeit, ihre innovative Kraft  oder die besondere künstlerische Handschrift des Parfumeurs oder der Parfumeurin hinter der Marke (man denke an Patricia de Nicolai, Serge Lutens oder Bertrand Duchaufour). Mittlerweile jedoch ist der “Nischenmarkt” überheizt und “over-hyped” und es wird immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Alle Konzerne sind auf den Nischenzug aufgesprungen und bieten special editions an, die z.B. “Les Exclusifs” oder “La Collection Extraordinaire” heißen. “Rare Distribution” lautet hier das Marketing-Zauberwort. Völlig überteuerte Marken kämpfen um verwöhnte, kapitalkräftige Kunden, und man baut Parfum-Tempel, in die sich “Normalsterbliche”  kaum mehr hineintrauen. In einigen Tagen wird z.B. Roja Dove im Londoner Nobelkaufhaus Harrods eine noch schönere, noch edlere und noch exklusivere  Parfum-Boutique eröffnen als seine bisherige “bescheidene” Parfumhütte im obersten Stockwerk von Harrods. Dort wird dann die finanzstarke Elite hinpilgern und sich die neusten Kreationen andrehen lassen. Doch muß man wirklich 600 Euro für eine Flasche Wohlgeruch ausgeben? Sind die Unterschiede zwischen Billigsegment und Nobelwelt wirklich so gigantisch? Nein! Es geht auch günstiger.

Wer auf Türsteher im Livrée, glänzende Tragetaschen und das ganze Spitzenambiente einer Luxusparfümerie verzichten kann und zudem keinen Wert auf die äußere Hülle, sprich den Flakon, legt, der sollte weder vor Drogerie-Märkten, Durchschnitts-Kaufhäusern oder Internet-Anbietern zurückschrecken. Wer ein Parfum jedoch vor allem als Prestigeobjekt sieht und sich über einen hohen Preis auch gegen Stinkbomben aus der Flasche absichern will, der läßt sich sicher gern in den Nobelparfümerien der Welt bestätigen, einen hervorragenden Geschmack und Stil zu haben. Wie oft schon habe ich mir an diesen Orten blind tests gewünscht… – sowohl für die Kunden als auch für die Verkäuferinnen. So manche vermeintliche Billigmarke würde in einem Blindtest besser abschneiden als die Hochpreisigen.

Daher gibt es für mich nur ein Motto: Trust your nose, not your wallet! Try everything!

Zum Beispiel: AOUD oder OUD oder Adlerholz

Offensichtlich das Moschus der 2010er Jahre.  Alle Firmen haben mittlwerweile Aoud-Düfte im Programm – und täglich scheinen neue hinzuzukommen. Die Anbieter behaupten fast alle, ihr Aoud sei natürlich und super-hochwertig. Das kann ich nicht überprüfen. Doch auf jeden Fall ist es sehr seltsam, daß immer mehr und mehr Aoud-Parfums hergestellt werden – und dies bei angeblicher Ressourcenknappheit. Insider aus der chemischen Industrie haben mir schon vor fünf Jahren erzählt, daß man AOUD künstlich sehr gut und billig nachbilden kann. Noch Fragen?

SplendidArabiaGoldOud Diesen orientalischen Aoud-Hammer fand ich im Internet. (Preis 10 Euro). Wirkung nicht anders als bei hochpreisigen Aoud-Parfums.

Monday3 Und auch dieses arabische Duftöl ist getränkt mit Aoud, Gewürzen und Amber. (Preis circa 12 Euro).

Amüsanterweise mögen meine Freundinnen aus Syrien, dem Irak und auch aus dem Iran Aoud-Parfums  überhaupt nicht. “Altmodisch”, “langweilig”, “zu traditionell” waren die Schlagworte, die sie mir zuriefen, als ich ihnen verschiedene Aoud-Parfums (hochpreisige und günstige!) vorführte. Warum ausgerechnet der Westen, der in vielerlei Hinsicht mittlerweile durchaus als islamophob angesehen werden kann, in seinen Nobelparfümerien traditionelle Parfums aus “Arabien” zelebriert, ist eine Frage, die mich seit langem bewegt. Vielleicht geht es um die  Vereinnahmung eines für viele Westler enigmatischen Kulturkreises, der bitteschön brav so funktionieren soll wie wir es uns aufgrund unserer Lektüre von “1000 und eine Nacht”  vorstellen. Die Komplexität und Widersprüchlichkeit der modernen arabischen, in unserer Wahrnehmung “orientalischen” Gesellschaften wird negiert und die Vielfalt der Lebensentwürfe wird reduziert auf Klischées wie “Harem” und “raffinierte Verführung”, olfaktorisch ausgedrückt durch das omnipräsente AOUD.

 

Zum Beispiel: Günstige Nachbauten erfolgreicher Mainstream-Düfte

Wer echte preisliche Alternativen zu etablierten Marken sucht, sollte sich bei Jeanne Arthes umschauen. Die Firma produziert alle Parfums in Grasse, der französischen Duftmetropole.

guipureand silk “Guipure&Silk” erinnert an “Hypnotic Poison”. (Circa 10 Euro für 100 ml).

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“Vanille Tropicale” kann mit “Vanille Exquise” von Annick Goutal mithalten. “Vanille Tropicale” gibt es aktuell für circa 7 Euro im Drogeriemarkt.

Jeanne2Bild2 “Jeanne 2″ ist ein leichter, zitronig-holziger Duft, der an Diors “Escale a Portofino” erinnert. (Circa 10 Euro. Gefunden bei Karstadt in Gießen.)

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“Amore Mio Forever” ist den aktuellen “Nina-Düften” von Nina Ricci nachempfunden. (Circa 7 Euro bei Rossmann).

 

Eine weitere Parfum-Firma aus Grasse, die hervorragende Parfums anbietet, ist Fragonard. 

BelledeNuit2 “Belle de Nuit” ist beinahe identisch mit “J’Adore” von Dior. 200 ml von “Belle de Nuit” im nachfüllbaren Flakon sind für unter 30 Euro zu haben.

YoppyGoldenGlam In deutschen Drogeriemärkten bekommt man “Golden Glam” von Yoppy, das große Ähnlichkeit zu “Kenzo Amour” aufweist. Preislich allerdings um einiges “liebenswerter”: nur 7 Euro.

Rosa Rosa Floralia1 Die englische Marke “Floralia” entdeckte ich im Internet.

100 ml eines schönen Rosenduftes, der es jederzeit mit Paul Smiths “Rose” aufnehmen kann, kosten um die 10 Euro. “Rosa Rosae” hält lange und hat sogar eine hübsche Verpackung.

pashminapatchouliy Ein ausgezeichnetes Eau de Parfum mit der beliebten Patchouli-Amber-Note ist “Pashmina Patchouly” von Dr. Taffy aus Italien. Dieser Duft kann locker mit den gängigen Nischen-Patchoulis mithalten. Circa 15 Euro.

MysticHalfmoon2MysticHalfMoon1 “Mystic Half Moon” ist der Knüller! Wer einen ausgefallenen Flakon mit einem feinen, nicht aufdringlichen Duft sucht, sollte hier zuschlagen. Anklänge an “Lolita Lempicka” sind sicher nicht zufällig. Circa 10 Euro.

Zum Beispiel: Zwei TOP – Supermarkt-Düfte aus Frankreich und Italien 

choc2 Ein Chypre-Duft, der mich begeistert und den ich in Frankreich bei “Auchan” für 13 Euro im Regal stehen sah: “Choc” de Cardin.

PinoSilvestre1 Ein klassischer Herrenduft, den man in Italien in jedem Supermarkt findet: “Pino Silvestre”. Fantastisches Preis-Leistungsverhältnis. Circa 12 Euro.

 

Zum Beispiel: Ein ausgefallener Fruity-Floral in einem künstlerisch gestalteten Flakon

Holly Sharpe1  Es muß nicht immer Harrods sein, Marks&Spencer tut’s auch. “Holly Sharpe” riecht auffallend anders als der Mainstream und erfreut mit einem künstlerischen Design. (Circa 12 engl. Pounds).

Übrigens: Die Duftinflation der letzten Jahre macht es immer schwieriger, sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen. Im Jahr 1980 kamen 59 neue Parfums heraus. 1985 waren es 79, fünf Jahre später 105. In diesem Jahr kamen von Januar bis Oktober 2014 bereits 1650 (!!!!) neue Parfums auf den Markt. Und allein von 2010 bis heute insgesamt 8010 verschiedene Neuerscheinungen. Der Markt kennt seit Jahren nur noch gigantische Zuwachsraten. Doch die Qualität schwindet – und die Ideen auch. Es wird kopiert und wiederholt was das Zeug hält…- daher lohnen sich Vergleiche in allen Segmenten. Gerade die Megaseller werden schnell und gut von den “Niedrigpreisigen” nachgemacht und da die meisten Hersteller ohnehin nur noch synthetische Stoffe verwenden (sie werden ja von der EU dazu gezwungen, die wiederum die Interessen der chemischen Industrie vertritt), kann man zu vielen Mainstream-Düften oft günstigere Kopien in Drogeriemärkten etc. finden.  Also: Weg mit den Vorurteilen und Nase auf für alles, was irgendwie (sei es über den Flakon, den Preis oder die Verpackung) Interesse zu wecken vermag.


L’Homme idéale von Guerlain – ein süßer Typ ohne Ecken und Kanten

Lhommeideal

 

Der ideale Mann ist für das Traditionshaus Guerlain offensichtlich ein harmloser Typ mit einer Vorliebe für süßen Pudding. Das läßt mich als Frau doch irgendwie aufatmen. In der neuen Flasche aus Paris steckt kein neuer Prototyp eines männlich-markanten, scharf-herben Herrenduftes, sondern ein freundliches Softie-Parfum, das auch prima von weiblichen Wesen getragen werden kann. Der ideale Mann ist nämlich ein ganz Lieber! Und zum Glück auswechselbar. Er ist nicht ‘mal besonders sexy oder gar muskulös. Vielleicht aber ganz clever, denn er heftet sich einfach an die Fersen anderer Typen, die es schon gepackt haben. Marketingtechnisch ist “L’Homme Idéale” eindeutig “La Petite Robe Noire” pour homme Nur während beim Damenduft ein weniger anmaßender Name gewählt wurde (okay, wir Frauen definieren uns ja eh nur über unsere Kleider), hat Guerlain sich mit diesem angeblich “idealen Parfum” namens “L’Homme Idéale” strategisch weiter aus dem Fenster gehängt. Ein solcher Name bleibt im Gedächtnis und provoziert. Vor allem aber weckt er Erwartungen, die nach dem ersten Testen und auch beim längeren Tragen des Duftes nicht erfüllt werden.

Nach einem konventionell-frischen Start mit bißchen Zitrone kommt ziemlich schnell eine Variante des charakteristischen “Petite Robe Noire”-Mandel-Akkords hoch, hier noch mehr in Richtung “Amaretto” gehend und ohne die Kirschkomponente, dennoch eindeutig “gourmand” und ziemlich süß – oder wie mein Mann gestern sagte “metrosexuell”.

Das vom Parfumeur angegebene Leder bleibt ganz dezent im HIntergrund, während viel Vanille und Moschus den Eindruck eines “Gourmand-Duftes” noch verstärken. Ich vermute, daß Guerlains Chef Thierry Wasser viele Superseller der letzten Jahre im Hinterkopf hatte, als er den neuen Duft schuf; vor allem Paco Rabannes “One MIllion” oder auch “Black XS”.

Der neue, angeblich “ideale Duft” greift also nur einen bereits vorhandenen Mainstream-Trend auf, anstatt selbst einen zu setzen. “Was sich in der Damenabteilung super verkauft (“Kirsch-Mandel-Pudding” in der Flasche), wird auch bei den Männern gut ankommen”, war wohl hier das Leitmotiv. Momentan ist “One MIllion” noch Top-Seller, doch Guerlain hat mit seinem angenehm riechenden, netten Duft bestimmt gute Chancen, richtig viel Profit zu machen.

Der “ideale Mann” ist wohl aus Sicht des Luxusgüterkonzerns LVMH, dem Guerlain angehört, ohnehin ein harmloser Konsument, der alles kauft, was neu und mainstreamig ist und vor allem ein Individuum, das mit seinem Parfum nicht als solches erkannt werden möchte.  Süßlich-vanillig-mandelig wabern sie um uns herum, all’ diese auswechselbaren und fast identisch riechenden Massenmarkt-Düfte für Typen, die sich die Augenbrauen zupfen, ihre Schamhaare komplett abrasieren und im Bad mehr Zeit brauchen als ihre Freundinnnen.

Für mich persönlich ist jede Art sich zu parfümieren okay, nur nicht die langweilige. Daher kann ich  “L’Homme Idéal” niemandem empfehlen, der einen Duft mit Charakter und hohem Wiedererkennungsfaktor sucht. Wer jedoch einen gourmandigen, soften “Woody-Oriental” von der Stange mag und einen neuen Flakon für’s Auge, für’s Image oder für’s Badezimmerregal braucht, der ist mit “L’Homme Idéale” auf der sicheren Konsum-Seite.


Un Air d’Amour par Dorin – a gorgeous chypre from a fabulous house

Alexanderbrücke02 Un Air d’Amour – what a beautiful name for a truly wonderful perfume.

La Maison Dorin presented their fragrance called “Un Air d’Amour pour Madame” in 2010, the version Pour Monsieur, a classic leathery scent in the style of the legendary “Cuir de Russie” done with fruity overtones, also amazingly good. I’d even gladly wear myself, since I’m a huge fan of spicy and leathery fragrances. But today I’d like to concentrate on the Eau de Parfum “Pour Madame” which really captured my heart. Having used up my generous 8ml sample, I’m keen on adding a full bottle of this delicious creation to my perfume wardrobe as soon as possible. Like many other Dorin fragrances, this scent is intensely feminine and unmistakably French, even if this sounds like a cliché.

First of all, “Un Air d’Amour” is a chypre, and this is a category which tends to be more sophisticated and aloof than most others. Patchouli is key here, but “Un Air d’Amour” is so well constructed that you’d never say it was “too strong” on the patchouli. Top-notes include freesia, magnolia and ylang-ylang, and then comes the chypre-aspect of patchouli to give a resinous touch to the central notes of tuberose and sandalwood. The base features musk, peach, plum, vanilla and amber. What I particularly enjoy about “Un Air d’Amour”  is the gradual journey from top to middle to base notes, like a stroll through Paris at night ending in front of the beautifully illuminated Opéra.

Oper Paris at night

“Un Air d’Amour” manages to create for itself a sensual world of beauty and although it is a rich fragrance, it never seems overblown and doesn’t speak of over-extravagance. Its delicacy gives it a unique aura of elegance and it deserves to be treated like a treasure.

Dicke Frau Orsay

Un Air d’Amour”: my personal favourite from the entire Dorin-collection.

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Picture of my “Un AIr de Paris”- sample-collection. 08_Neues (24 von 15) Samples of the three La Dorine-perfumes and of my favourite “Pour Madame”.


Frühlingsdüfte 2014: Flanker, Früchte und “FOIN”!

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Frühling! Ja, dieses Jahr schon seit Anfang März und jetzt im April sowieso…

Die Parfümerien sind wie immer zu dieser Jahreszeit bestrebt, die neusten Kreationen an die Frau und den Mann zu bringen. Flanker über Flanker werden uns als “Neuheiten” präsentiert, also Parfums, die fast so ähnlich heißen wie das  “Erstprodukt” und fast immer auch so ähnlich riechen. Bevor ich einige dieser Düfte hier aufliste, wende ich mich einer perfekten Duftschöpfung zu, die im Retro-Stil daherkommt und denoch erst dieses Jahr wieder aufgelegt wurde: “Foin fraichement coupé von der Pariser Nischenfirma Oriza L. Legrand. Der Duft wurde 1886 zum ersten Mal präsentiert, aber dieses Jahr wiederbelebt, ähnlich wie die Firma, die es zwar auch seit 1720 gibt, aber erst seit kurzem ihre Wiederauferstehung auf dem Duftsektor feiert. Meine Einschätzung zu diesem Duft liest sich auf Englisch so:

“A new fragrance which smells strikingly old-fashioned – but in a very good way. This charming scent expresses the perfumer’s intense appreciation of the beauty of nature. It’s full of gentle warmth in spite of the wild mint in the top-notes. Imagine yourself under a shady tree in spring deeply inhaling the mild air. Aromatic notes are there, but they aren’t fierce, you catch a whiff of soothing hay and the earthiness of ivy and clary sage plus a very fine note of white, soft musk, very subtle, a muskiness that Oriza L. Legrand achieves without any effort. Tinges of green (clover) were added to create a fresh but not strident effect. An outdoorsy fragrance, of course, which emanates a sensuous charm below the surface. “Foin f. coupé” is definetely a beautiful scent which appeals to me in its versatility, great on both sexes and suitable wherever you go. No flowers, no aldehydes, no amber, no oudh, no intentions of seduction. Wearing it is like following a distant tune in a springtime forest that calls for you to enter, a beguilingly romantic call which leaves you with an idea of sensual awareness beyond the harsh world of synthetic mainstream fragrances. A small wonder.

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Oriza L. Legrand ist ein herausragendes Haus auf dem Nischensektor, jedes einzelne grandiose Parfum dieser Firma verdient Beachtung.

Ebenfalls sehr angenehm riecht das neue Eau de Cologne “Essence Aromatique” von Bottega Veneta.

BottegavenetaEssenceAro“The original Bottega Veneta is one of my favourite mainstream fragrances of the last years. This new, extremely light interpretation is a beautiful and aromatic mélange of fresh bergamot and coriander, subtle rose and patchouli (yes, there is such a thing as a low-key-patchouli note in this scent) resting on a base of languid tonka bean and vanilla plus a dash of sandalwood. It does disappear quickly on my skin (after 1 h), but I know it is an Eau de Cologne, so I shouldn’t complain.

Natürlich ist die Duftwirkung sehr zurückhaltend und dezent, aber das mögen viele ja.  Gerade im Hochsommer könnte “Bottega EdC” extrem gut ‘rüberkommen.

Eine weitere Neuerscheinung, diesmal einen Duft, der sich an einen älteren fast gleichen Namens anlehnt, präsentiert Cartier. Doch die neue Version von “Panthere” hat mit dem Parfum aus dem Jahr 1987 nicht viel gemeinsam. Meine Einschätzung auf Englisch: 

“La Panthère” by Mathilde Laurent for Cartier is by no means a remake of the discontinued “Panthère” from 1987, which was a dense powerhouse-fragrance. If you expect a “parfum de femme fatale”, don’t be disappointed, the new Cartier is civilised and starts with fruity top-notes of apple and rhubarb, quite transparent and not heavy. Then the star of the composition is brought into play, Laurent says it’s gardenia, but it’s not the usual kind of gardenia many of us know. The gardenia in “La Panthère” is understated in its opulence, it’s vague and amorphous, somewhat “unreal”. Fortunately, the floral accord is teamed with oakmoss and musk (a modern fruity chypre?), and when all the notes have unfolded, the perfume seems to glide and fade into the dusk without any jungle snarls. Anyone from 25 to 100 can lose themselves in the subtle elegance of “La Panthère” and seasons don’t pose a problem either, “La Panthère” is equal to any occasion and all climats. For Cartier devotees it fills the gap between the “Eau de Cartier” range with its clean simplicity and the soliflore-composition of “Le Baiser”. “La Panthère” by the great Mathilde Laurent is innovative without being conversely complex, intense without being overwhelming and pervasive without aiming at any great depth. A nice armchair adventure, with the wild animal, la panthère sauvage, at a safe distance.

Der Versuch, einen modernen fruchtigen Chypre zu schaffen, kann als gelungen bezeichnet werden, wenngleich ich selbst Mathilde Laurents Komposition zu “lau” finde.

Rosabotanica” von Balenciaga (2013/14) schließt an den Vorgänger “Florabotanica” an und setzt auf die allseits geliebte Rose, die mir hier allerdings sehr künstlich vorkommt. Der ganze Duft hat eine synthetische Aura, die mich nicht begeistert.

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Und jetzt ein kurzer Überblick über Düfte aus dem Jahr 2014, die wegen ihrer Repetitivität und des sie kennzeichnenden “Gähn-Faktors” wohl nicht lange auf dem Markt bleiben werden:

Langweilig und überflüssig ist Biotherms neustes Erfrischungsspray “Eau fraiche”. Auch nicht viel besser (“Duschgel”-Aroma): Evergreen von Jil Sander. “Escada Born in Paradise” bringt keine Abwechslung, mal wieder ein Obstsalat in der Flasche, “Manifesto L’Eclat” von Yves Saint Laurent ist eben ein Flanker (“Manifesto light”) und bleibt eine süße, klebrige Angelegenheit (“Dessert zum Aufsprühen”). “Brit Rhythm for women” geht neue Wege, will einen modernen Lavendel-Duft mimen, scheitert aber an der Ausführung, “Sol de Bahia” von Lancaster ist eine banale Kokosnuss-Nummer für den WM-Sommer 2014.

Doch den Vogel schießen die neuen Düfte von Karl Lagerfeld ab: Scheußlich! Sie sind beide so stromlinienförmig industriell abgemischte Durchschnittskreationen, daß ich mich frage, ob Lagerfeld sie wirklich selbst jemals gerochen hat, bevor er seinen Namen dafür hergab.

cavalliexotic2Nun, die Fußball-WM wirft ihre Schatten weit voraus, viele Parfumproduzenten meinen, ‘mal wieder mit dem bereits seit Jahren geläufigen Obstsalat-Parfum in mannigfaltigen Variationen punkten zu können. Auch Roberto Cavalli beteiligt sich an dieser Frucht-Meisterschaft und lanciert einen Flanker zu seinem Erfolgsduft aus dem Jahr 2011. Er kommt diesmal in Pink daher und heißt, surprise, surprise“Exotica”.  Laura Biagiotti bringt “Blu di Roma Donna”, einen leicht acquatischen, dennoch fruchtigen Langweiler heraus. Sehr enttäuscht hat mich Balmains Parfum “Extatic”. Von Ekstase keine Spur; es handelt sich um einen lauten und sehr synthetischen, fruchtig-vanillligen Mainstream-Duft. Schade, denn nachdem mir die Re-Orchestrierung von “Ivoire” so gut gefallen hatte, waren meine Erwartungen an den neuen Balmain-Duft hoch. Und last, not least erwähne ich heute noch Guerlain, die einen weiteren Flanker zu ihrem gefälligen Kirsch-Lakritz-Pudding-Duft “La petite robe noire” lanciert haben, “La petite robe noire couture”Couture als Begriff wird hier von Guerlain umgedeutet und heißt: “leider auch mainstream und von der Stange.” Einfallsloser geht’s kaum.

 

 

 

 

 


Das ABC der weihnachtlichen Duftpräsente

Alle Jahre wieder kommt der Geschenke-Stress. Äußerst beliebt und (fast) immer willkommen sind Parfums – doch wie auswählen? Hier ein kleiner “Schlagwort-Guide” zum Entlanghangeln durch den Duft-Dschungel:

 

A wie altbacken oder abgedroschen 08.01. Neues Jahr (37 von 225)

Dies ist garantiert das unorginellste Duftpräsent, das man(n) am Heiligabend unter den Baum legen kann. 2013 wirbt Chanel mit Marilyn Monroe, 2012 durfe Brad Pitt irgend’was von “inevitable” (unvermeidbar”) schwafeln. Chanel No. 5 ist nur unvermeidbar, wenn man keine eigenen Ideen hat (oder die Mutter, Oma, Tante oder Ehefrau dieses Parfum wirklich verlangt  oder trägt.)

B wie bewährt und beliebt L'Airdutempsset

L’AIr du temps von NIna Ricci –  trotz Reformulierung noch zauberhaft und friedvoll. Wer kann, kauft das Eau de Parfum, welches etwas mehr mit dem Originalduft zu tun hat als das EdT.

 

C  wie cool und casual Strenesse

Ein Duft von Strenesse.  Nicht süß, nicht aufdringlich, angenehm entspannt. 

 

D wie dezent und deutsch eveEve von Jil Sander. Duftet sanft nach Rose und besticht äußerlich durch schlichtes Design.

 

E wie elegant und elitär Neue Parfums 15.10.2011 (5 von 157)

Clive Christian No. 1 kostet in der günstigsten Version circa 600 Euro. Gehen Sie sicher, daß die Beschenkte diese Information erhält (am besten zusammen mit dem Parfum), da der Duft zwar ausgezeichnet riecht, aber es ähnliche Qualität  – z.B. bei Guerlain –  auch für wesentlich weniger Geld gibt.

 

F wie frivol und frevelhaft womanity

Womanity von Thierry Mugler: Von vielen gehasst, von einigen sehr geliebt. Ein Parfum, das in Erinnerung bleibt und je nach Geschmack abstößt, anzieht oder verwirrt.

 

G wie gut und geschmackvoll Tauerperfumes2

3x15ml eines Duftes von Andy Tauer aus Zürich. Nach Wahl zusammenstellbar.

 

H wie hölzern und häßlich policetobeking2

Der häßlichste Flakon des Jahres 2013 behergert einen holzig-aromatischen Duft.

 

I wie infantil und in-und auswendig midnightrose1

Midnight Rose ist ein harmloser Beerenduft, dessen Komposition alle schon 1000x irgendwo gerochen haben. Sogar in Hogwarts.

 

J wie jahraus und jahrein AromaticsElixirSpecialEdition Aromatics Elixir von Clinique geht immer. Ein Klassiker, den viele als den “Duft ihres Lebens” bezeichnen.

 

K wie kunstvoll und kombinierbar RoseedeNuit

Die Düfte aus dem Hause FriedeModin kann man übereinander sprühen oder einzeln tragen. Rosée de Nuit steht für sich allein sehr gut da.

 

L wie liebevoll und leuchtend 08.01. Neues Jahr (82 von 225)

Der Duft Grand Amour von Annik Goutal ist blumig-aldehydisch-frisch und duftet hinreißend gut.

M wie martialisch und markant  – Spicebomb von Victor&Rolf befriedigt kriegerische Anwandlungen unter dem Weihnachtsbaum (Bomben bilde ich jedoch aus Prinzip auf meiner Website nicht ab).

 

N wie niedlich und nutzlos AnnaSuiBoheme2

La vie boheme von Anna Sui riecht banal und billig, daher würde ich von der Verwendung als Parfum abraten. Der Flakon eignet sich eventuell als Deko-Objekt.

 

0 wie östlich und oszillierendkrassnayaMoskvasuperb

Für alle, die ein echtes russisches Parfum suchen: Krasnaya Moskva. Leider heute nicht mehr von so hoher Qualität wie zu Zeiten der UdSSR. Die Suche nach einem “Vintage” lohnt sich hier.

 

P wie prächtig und preiswert

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Aus der Serie Le Jardin de Fragonard ist dieser Duft Héliotrope et Gingembre besonders zu empfehlen. Sanft, verträumt, haltbar und nicht teuer. Kann mit hochgehypten Nischenparfums mithalten.

Q wie quälend und quietschbunt DaliLIttleKiss

Der neuste Billigduft von Dali, der Crazy Kiss heißt. Ein übler Fruity-Floral.

 

R wie reif und rein EvaflorWhiskey

Dieser sehr preisgünstige Duft, der in französischen Supermärkten erhältlich ist, duftet nach Lavendel und Alkohol. Und sonst leider nach nichts.

 

S wie sexy und saftig CavalliNero1

Über den neuen Cavalli Nero Assoluto kann ich nicht meckern. Er riecht so wie er aussieht: gut!

 

T wie tadellos und traumhaft givenchylebal3

Die Special Edition von Dahlia Noir Le Bal von Givenchy erfüllt höchste Ansprüche an Duft und Design.

 

U wie unterdurchschnittlich und unverdaulich

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Paul’s Boutique 24/7  ist eine schlechte Kopie von Dolce&Gabannas Duft “The One”.

 

V wie vernünftig und viktorianisch Penhaligon'sSetXmas

Ein Weihnachts-Set von Penhaligon’s. Für traditionsbewußte Liebhaber englischer Duftwässer.

 

W wie weise und weihräuchern SaharaNoir Tom Ford

Verbreitet garantiert einen stimmungsvollen Duft zum Fest: Der ultimative neue Weihrauch-Duft von Tom Ford, Sahara Noir.

 

X wie x-beliebig und zum x-sten Mal ToscaVintage1

Tosca, ein Duft, der in seiner heutigen verwässerten Form (er ist jetzt ein ganz schwacher, aldehydischer Blümchenduft) niemandem mehr zugemutet werden sollte. Die meisten Damen haben ohnehin noch sieben bis acht ungeöffnete Flaschen im Schrank stehen.

 

Y wie yahoo und youTube BettyBoop1

Dieser Duft ist weder boop noch cute (das steht hier nur wegen des verunglückten Reims). Übrigens: Ich werde nicht auf youTube über Parfums berichten…

 

Z wie zitronig und zugespitzt Eau delice

Eau Délice von Alix de Faure ist low-budget auf höchstem Niveau. Ausgezeichneter Zitrusduft.

 

 


“Joy”, ja – aber bitte nicht “forever”.

Joy Forever” –  eine grauenvolle Verheißung. Wenn Freude immer währte, sie permanent wäre, würden wir sie als solche gar nicht mehr erkennen. “Joy Forever” ist natürlich kein neuer Ratgeber aus dem Esotherik-Shop, sondern der kitschige Name eines neuen Parfums aus dem Haus Jean Patou.   Die Freude im Dauerzustand wird als Eau de Parfum geliefert und hat fast das gleiche Outfit verpaßt bekommen wie das große Vorbild, das den schlichteren Namen trug. Es hieß ganz lapidar “Joy”, wurde 1931 lanciert und ist seitdem für viele ParfumliebhaberInnen eines der schönsten und besten flüssigen Blumenbouquets der Welt. Ein Meisterwerk, ein Meilenstein. Doch scheint das opulente Rosen-Jasmin-Duo mit über 80 Jahren auf dem Buckel offensichtlich kein Megaseller mehr zu sein. Wahrscheinlich (bloße Mutmaßung meinerseits)  war in den letzten Jahren überhaupt gar kein Parfum der Marke Patou ein Renner, denn die Inhaber, ein weltweit aktiver Chemiegigant, Proctor&Gamble, haben “Patou” verkauft. Hätten sie auf die noble Marke in ihrem Portfolio verzichtet, wenn die Umsätze gestimmt hätten?

Die neuen Chefs, SA Designer Parfums Ltd. aus England haben sich zu einem Neustart für Patou entschlossen. Die in der Nähe von London in Watford ansässige Firma vertreibt die in Großbritannien sehr beliebten “Ghost-Fragrances“, außerdem hat sie bereits Scherrer, Worth und Aigner erworben. Patous neue Positionierung am Markt beinhaltet die Wiederauflage dreier berühmter Patou-Düfte (“Patou pour Homme”, “Eau de Patou” und “Chaldée“) sowie die Re-Orchestrierung von “Joy” bzw. die Ausschlachtung seines Bekanntheitsgrades mittels der Lancierung des Flankers “Joy Forever“. Zu diesem Zweck haben die neuen Besitzer einen hauseigenen Parfümeur eingestellt, Monsieur Thomas Fontaine, der die aktuellen Parfums kreiert hat. Fontaine hat z.B. für Jean Charles Brosseau “Ombre Orientale” und “Ombre Platine” gemischt, außerdem für Lubin das vielbeachtete “Korrigan“. Nun ist er “In-house-perfumer” bei Patou.

Laut Reklametext ist das neue Joy, der Duft, der “forever” sein soll, ein “voluminöses blumiges Bouquet,das um den berühmten mythischen Jasmin-Rosen-Akkord herum konstruiert und mit Iriswurzel und Orangenblüte abgemischt wurde.” (“voluptuous floral bouquet composed around the mythical accord of jasmine and rose blended with oris and orange flower”. )

Wo liegen die Unterschiede zum klassischen “Joy?”  Das Volumen wurde entgegen der Werbetext-Poesie entschieden heruntergefahren. Jasmin und Rose sind zu erkennen, aber nicht in der Charakteristik, die sie im alten “Joy” hatten. Die fast schon quälende Üppigkeit und Süße, das Indolische des Jasmins fehlen komplett. Ich rieche in “Joy Forever” einen angenehm frischen Blumenstrauß, “fine-tuning” eingeschlossen. Verstörende Elemente sind entfernt worden, alles ist frisch poliert und beinahe klinisch rein. Oder gar klinisch tot? Nein, dafür ist Fontaine ein zu guter Parfümeur. Die Iriswurzel bringt ein bißchen grünes, erdiges Leben in die saubere Bude und die Basis ist leicht holzig, elegant-frisch. Während der Klassiker ein extrem polarisierendes Parfum war/ist, fällt mir zu “Joy Forever” nur ein: “Sehr hübsch”.

“Joy” war niemals die Freude einer jeden Frau/eines jeden Mannes, im Gegenteil.  “Joy” war/ist “love” or “hate”, “Joy forever” ist dagegen “okay, wait”.  Warten auf die Perma-Freude. Wo ist sie denn? Wann kommt sie? Bin ich die einzige, die sie nicht riecht?

Dieser Duft ist nicht schlecht, ganz und gar nicht. Er ist elegant, blumig-frisch und würde unter einem anderen Namen (“Femme Patou” oder vielleicht auch “Patou Partout” wären meine Vorschläge! ) nicht an seinem großen Vorgänger gemessen werden. Mit “Joy” im Hinterkopf läßt sich “Joy Forever” kaum positiv beurteilen. Als “Patou Partout” würde dieses Eau de Parfum sehr gewinnen: Es ist nämlich büro-tauglich, nicht aufdringlich und eigentlich ziemlich stylisch. Aber immerwährende Freude bereitet es mir (zum Glück!) nicht.

Parfums 02.11.2013 (2 von 1)

 


Eau Sauvage – der Signature-Duft eines Gentlemans

 

Eau Sauvage von Christian Dior

 

Dieser Duft prägt bis heute meine Vorstellung von einem perfekten Parfum!

 

Er ist leicht, transparent und elegant. Wahrscheinlich gehört „Eau Sauvage“ auch zu den Parfums, die ich von Kindheit an eingeatmet habe, denn es war der “Signature-Scent”, die olfaktorische Erkennungsmarke  meines Großvaters, der heute am 23.6.2013 genau 100 Jahre alt geworden wäre. Grund genug für mich, am heutigen Tag über „Eau Sauvage“ zu schreiben!

 

Eau Sauvage“ ist natürlich auch kein junger Hüpfer mehr, 2016 wird dieser Duft 50 und wird hoffentlich dann mit einer (weiteren) Reformulierung geehrt werden, die die Defizite der aktuellen Version ausgleicht. Ich beziehe mich in meinem Text hauptsächlich auf die Vintage-Version von „Eau Sauvage“.

Seine Spritzigkeit verdankt Eau Sauvage“ den Komponenten Bergamotte, Zitrone und Basilikum. Von der Idee her ist der Duft zudem eine Weiterntwicklung der klassischen Eau de Cologne-Struktur, die Roudnitska für Christian Diors „Eau Fraîche“ (1953) verwendete. Vergleicht man „Eau Fraîche“ mit „Eau Sauvage“ fällt jedoch auf, daß der Duft von 1966 eine Facette hat, die dem Vorläufer fehlt, nämlich ein gewisses dunkles, sinnliches Element, das Roudniska 1972 in „Diorella“ noch weiter ausbaute.

Der Charme und die Attraktivität von „Eau Sauvage“ liegen für mich an dieser Stelle:

Die zitrische Leichtigkeit (auch erzielt durch den Einsatz von Hedione, einer chemischen Komponente, die in „Eau Sauvage“ Premiere feierte) ist gepaart mit Wärme, die sich in der Basisnote entfaltet. Wahrlich ein passendes Parfum für meinen Großvater, der als perfekter Gentleman in der Öffentlichkeit immer höflich, freundlich, aber distanziert blieb, mir als Enkelkind aber große Zuwendung, liebende Aufmerksamkeit und emotionale Stabilität vermittelte. Oft malte er mit mir zusammen, schenkte mir die echten Ölfarben, die mir meine Mutter nicht kaufen wollte, erlaubte mir in einer teuren Kinderboutique in Düsseldorf, mir ein Traumkleid auszusuchen, das ich noch trug, als es mir schon längst zu kurz und zu eng war und schmierte mir morgens immer Brötchen mit viel Butter und Schwarzwälder Schinken (meine Eltern kultivierten ausschließlich persische Eßgewohnheiten).

Im Badezimmer stand immer ein großer Flakon mit „Eau Sauvage“, an dem ich morgens gern roch. Ich erinnere mich noch genau an das Ablageregal mit wenigen, ausgesuchten Kosmetika, einem Rasierpinsel, Lavendelwasser. Alles Opas Sachen, denn meine Großmutter bewahrte ihre Parfums im Schlafzimmer auf, wo sie herrliche kristallene Pumpzerstäuber hatte, aus denen ebenfalls immer wundervolle Düfte strömten („Cabochard“ z.B. und „Bandit“).

 

Düsseldorf im Jahre 1975… – ich bin wieder dort und sehe alles vor mir… – rieche „EauSauvage“

Avery Gilbert führte eine wissenschaftliche Studie durch, in der er bewies, daß die bloße Vorstellung , also das Denken an einen Duft, die selben positiven Effekte haben kann wie das tatsächliche Erleben. „The very act of remembering a fragrance activates an entire range of psycho physical responses“, schreibt der Wissenschaftler im „Journal of Mental Imagery“. Das sind gute Befunde, denn das reformulierte „Eau Sauvage“ reicht an die Vintage-Version nicht heran. Eichenmoos, der leicht indolische Touch des Jasmins – all diese Elemente wurden herausgenommen. Das aktuelle „Eau Sauvage“ gleicht einem sehr konventionellen Zitrus-Duft, der keinesfalls schlecht ist, aber uncharakteristisch wirkt.

So evoziere ich heute den Duft des alten „Eau Sauvage“ in meinem Kopf, meinen Großvater für immer in meinem Herzen bewahrend.

Parfums 25.10.2013 (2 von 47)   Vintage-Flakon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Fidji von Guy Laroche – mein erstes eigenes Parfum

 

 

Josephine Catapano – Fidji – Norell – Youth Dew – Charlie.

 

Wichtige Düfte, wichtige Stichwörter für mich.

„Fidji“ war mein erstes eigenes Parfum. 12 Jahre alt war ich und stand mit meiner Mutter auf der Rheinstraße in Krefeld vor der Parfümerie Spülmanns. Sie war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Duft, den sie an einer Bekannten wahrgenommen hatte und der sie nicht mehr losließ. „Komm, wir gehen hier ‘mal rein“, sagte sie. Hinter einem schweren Holztresen stand der Ladeninhaber, freundlich und kenntnisreich, bereit, meiner Mutter alle Parfums zu zeigen, die im Sortiment waren.

Ich hatte das Parfum der Bekannten auch gerochen, schwer war es, extrem stark, einprägsam. Leider hatte die Dame meiner Mutter nicht verraten wollen, wie der Duft hieß. Aber meine Mutter vertraute auf ihre eigene Nase und die Vorschläge von Herrn Spülmanns. Während sie immer wieder an einem Duftkärtchen mit „Aromatics Elixir“ roch, fiel mein Auge auf einen Sprühflakon, der im Angebot war und auf dem Tresen herumstand. „Fidji“. Der Schriftzug auf der Flasche gefiel mir und ich sprühte mir den Duft auf.

Ach, was für ein Moment. Den vergesse ich nie. Niemals vorher hatte mir ein Parfum so gut gefallen wie dieses. Ich sah so begeistert und gleichzeitig entgeistert aus, daß meine Mutter ihr Duftkärtchen fallen ließ und fragte: „Möchtest du das haben?“ „Bin ich nicht noch zu jung für Parfum?“ Das dachte ich wirklich. „Quatsch“, meinte meine Mutter. „Wenn es dir doch so gut gefällt. Ich kauf’ dir das!“

Wie herrlich duftet damals „Fidji“. Nicht so ausdruckslos wie heute in der kastrierten Neuversion aus dem Hause „L’Oréal“. Galbanum gab die unvergleichliche Frische. Der Duft war fröhlich, grün und blumig. Er war so  simpel wie perfekt. Während „Aromatics Elixir“ , das meine Mutter für sich kaufte und als das Parfum ihrer Bekannten aus unzähligen anderen herausgefiltert hatte, „ölig“ und „erwachsen“ wirkte, empfand ich „Fidji“ als jung. Dieser Duft wurde mein Einstieg in die Welt der Parfums.

Heute weiß ich, daß „Fidji“ kein Kind der 70er ist (wie ich lange Zeit annahm), sondern daß es aus dem Jahre 1966 stammt. Ich bin ebenfalls ein Kind der Babyboomer-Generation.

Heute weiß ich auch, daß Josephine Catapano, die geniale Schöpferin von Fidji, mich durch mein Leben begleitet hat. Erst seit einigen Jahren ist mir klar, daß Catapano (leider 2010 verstorben)  auch „Youth Dew“ komponiert hat, einen weiteren Lieblingsduft von mir, den ich während der Oberstufe am Gymnasium trug.  Auch „Norell“ habe ich geliebt, natürlich wegen der Ähnlichkeit zu „Fidji“. Ebenfalls von Josephine. Leider heute – so wie „Fidji“ – ebenfalls entstellt und lieblos-billig „reformuliert“.  In den 70ern hat Revlon die Grundidee von „Fidji“ in „Charlie“ weitergeführt. „Charlie“ mochte ich nie, ich war da schon bei „J’ai osé“.

Aber „Charlie“ werde ich heute manchmal von Freunden genannt.  Ehrlich gesagt, wenn die mich „Fidji“ rufen würden – ich hätte nichts dagegen!

FidjiExtrait4FidjiExtrait1

 

 

 

 


Azzaro pour homme classique, erschienen 1978

Ein Signature-Scent: Azzaro pour homme

Wahrscheinlich hat meine Mutter meinem Vater diesen Duft irgendwann kurz nach der Markteinführung von “Azzaro” im Jahre 1978 geschenkt. Ein Herrenduft der späten 70er – und wohl der beste, den Azzaro jemals produziert hat.

Heute für mich der Duft, den ich mit meinem Vater verbinde, seine Signatur, sein Erkennungszeichen. Kein anderer passte perfekter zu ihm, kein anderer läßt meinen Vater in Bruchteilen einer Millisekunde vor meinem inneren Auge erscheinen.

Es ist gut, Papa, daß Du so einen “signature-scent” hattest. Wie schlimm wäre es für mich heute, wenn ich nicht einen bestimmten Duft mit Dir verbinden würde, sondern gar mehrere. Oder vielleicht wäre es nicht schlimm, aber es wäre komplizierter. Und es würde die Bedeutung von “Azzaro” schmälern.

Es gibt Tage, Abende, Momente, da greife ich zu “Azzaro”, um Dir ganz bewußt nahe zu sein. Natürlich riecht der Duft pur anders als an Dir, der Du einen starken und wundervollen Eigengeruch hattest, den man in Deinem Zimmer auch nach drei Jahren noch gut wahrnehmen kann. Aber ich bin ja nicht mehr oft zu Gast in Deinem heute verwaisten Zimmer und leider hat die Strickjacke, die ich von Dir in meinem Schrank habe, schon meinen eigenen Geruch angenommen. Doch wenn ich sie trage, dann immer mit “Azzaro” zusammen.

Die Patienten, die Du jahrelang untersucht hast, können von Glück sagen, so einen Arzt gehabt zu haben. Nicht nur, weil Du ein herausragender, einfühlsamer, besonders guter Mediziner warst, nein, auch ganz einfach, weil Du zusätzlich auch noch gut aussahst… und gut rochst. Deine Augen, die einzigartig schön waren in ihrem goldenen Braun, der feine Gesichtsschnitt, die zarten Hände.

Ich finde es äußerst gut, daß Du nie Gartenarbeit gemacht hast. Auch Autoreifen hast Du nie selbst gewechselt. Hätte auch nicht zu Dir gepasst. “Azzaro” hat Dich jeden Morgen mit einer starken Ladung von Lavendel und Bergamotte begrüßt. Die Kopfnoten wehten immer zu mir in mein Zimmer herüber. Wenn Du dann Deinen schwarzen Tee getrunken, Dein Toast gegessen und Deine Zeitung gelesen hattest, roch Dein “Azzaro” schon sehr “gentleman-like”. Nicht so schwer und dunkel wie z.B. “Rive Gauche pour Homme” von YSL, den wir Dir irgendwann ‘mal zur Abwechslung geschenkt hatten, sondern freundlich. “Aromatischer Fougére”, habe ich später gelernt. Hat mich damals herzlich wenig interessiert. “Azzaro” riecht männlich-stark, gut ausbalanciert mit Anis, Lavendel, Bergamotte, Sandelholz und wohl auch etwas Rose. Der Drydown ist perfekt, ein bißchen Schärfe und Würze, etwas Holzig-Männliches… (Was genau? Spielt eigentlich keine Rolle).

Es war Dein Duft! Es ist Dein Duft…

Ach, übrigens: Wer Lavendel nicht mag, wer sich nur für trendige Wässerchen im “Sport- Style” begeistern kann und wer zudem meint, ein guter Duft müsse teuer sein, der sollte “Azzaro” nicht probieren.

Und der Firma Azzaro rufe ich zu: “Bitte kommt NIE auf die dumme Idee, diesen Duft nicht mehr herzustellen!”

It would break my heart.

Gewidmet meinem Vater, H.A. *1933, + 1.5.2010

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