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Der Parfum-Blog

“Her perfume was Rive Gauche”. Ian McEwans beeindruckender neuer Roman “The Children Act”.

rivegauche  Auf Seite 191 der englischen Ausgabe (erschienen 2014 bei Jonathan Cape, London) findet sich ein Satz, der die Persönlichkeit der Richterin Fiona Maye in einer einzigen Duftassoziation perfekt beschreibt: “Ihr Parfum war Rive Gauche”.

McEwans Roman über eine Frau, die immer die Kontrolle behalten will, ist eine perfekte psychologische Studie, die mich mehr als nachdenklich zurückließ. Fiona, eine erfolgreiche und kultivierte Richterin am High Court in London, ist 60 Jahre alt und hat sich in ihrem Beruf, in ihrem Stadthaus in London und mit ihrem intellektuellen Ehemann, der Professor für Latein und Geschichte ist, fest in der Gesellschaft etabliert. Selbst die schwierigsten gerichtlichen Fälle scheint sie ruhig und konzentriert zu lösen. Ihr eleganter Schreibstil ist vielen bei Gericht ein Vorbild, auch und gerade ihren männlichen Kollegen. Wir lernen Fiona Maye in dem Moment kennen, als ihr langjähriger Ehemann ihr –  für sie aus heiterem Himmel – eröffnet, daß er eine Affaire haben wolle, da er ihr Sexualleben als unbefriedigend empfinde und sie in ein geschwisterliches Verhältnis abgeglitten seien. Nach einer sehr kurzen Auseinandersetzung verläßt der Ehemann das Haus mit einem Koffer und Fiona bleibt allein. Doch sie verliert nicht die Contenance. Ja, control oder keeping a stiff upper lip, das sind  bezeichnende Ausdrücke für Fiona Maye. Im Verlauf des Romans erleben wir, wie sie über einen fast 18-jährigen Jugendlichen ein weitreichendes, lebensentscheidendes Urteil verhängt. Als Mitglied der “Zeuge Jehovahs” verweigert Adam nämlich mit Unterstützung seiner Familie eine Bluttransfusion, die er wegen seiner Krebserkrnkung dringend benötigen würde. Die kluge Richterin rettet mit ihrer einstweiligen Verfügung das Leben des jungen Mannes, kommt aber dann nicht damit zurecht, daß dieser sich persönlich an sie wendet, ihr schreibt, sie sogar “stalkt”, indem er ihr ins nordenglische Newcastle hinterher reist.

Newcastle4 13 014 Die Tyne Bridge in Newcastle

 

Wie in der Beziehung zu ihrem Ehepartner, so ist sie auch in dieser Angelegenheit unfähig, Gefühle zu zeigen, sich auf einen Kontakt einzulassen, dem jungen Mann zu antworten, der sich von ihr mehr erwartet als ein gut formuliertes Gerichtsurteil. Fiona, die selbst kinderlos geblieben ist, da bei ihr der “richtige Zeitpunkt” für ein Kind aus beruflichen Gründen niemals gegeben war, findet die Balance aus Nähe und Distanz nicht. Zwar schickt sie Adam von Newcastle aus zügig wieder nach Hause, doch gibt sie ihm zum Abschied einen Kuß auf den Mund; eine verwirrende Geste, sowohl für ihn als auch für sie.

Einen weiteren Brief des nunmehr 18-jährigen, der ein bedeutungsschwangeres Gedicht enthält, ignoriert sie und beantwortet sie ebenso wenig wie die vorherigen Versuche, schriftlich mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Dabei ist Fiona nur äußerlich so kühl und kontrolliert. Ian McEwan schreibt seinen Roman konsequent aus ihrer Perspektive heraus und zeichnet so das Bild einer von gesellschaftlichen Ritualen und Konventionen geprägten Frau, die lediglich in der klassischen Musik durch ihr Klavierspiel bzw. ihre Tätigkeit als Liedbegleiterin für einen Richter-Kollegen ihre tiefen Emotionen zeigen kann. Jazz-Improvisationen bekommt Fiona am Klavier nicht hin, da sie zu sehr auf Regeln fixiert ist. Doch Bach-Fugen lernt sie auswendig und als Liedbegleiterin meistert sie Berlioz und sogar Mahlers Rückert-Lied “Ich bin der Welt abhanden gekommen” (von ihrem Kollegen allerdings auf Englisch gesungen, was es noch wirkungsvoller macht, wenn man bedenkt, in welcher Situation Fiona dieses Lied vor Publikum spielen muß). Denn der Roman “The Children Act” kulminiert in dem Konzert, das Fiona zusammen mit ihrem Kollegen gestaltet. Kurz bevor sie sich ans Klavier setzt, erfährt sie nämlich, daß sich der junge Mann, dem sie noch vor einigen Monaten im Eilverfahren das Leben gerettet hat, nun als Volljähriger gegen eine Bluttransfusion entschieden hat, als er zum zweiten Mal hätte wegen Leukämie behandelt werden müssen.

Adam ist tot. Und Fiona muß auftreten und eines der traurigsten Kunstlieder begleiten, das jemals komponiert worden ist. Am Ende des Konzerts bricht sie fast zusammen, als sie als Zugabe auch noch “The Sally Gardens” in der Version von Britten spielen muß, jenes Volkslied, das sie seinerzeit an Adams Krankenbett zusammen geübt hatten; er als Anfänger auf der Violine und sie mit ihrer Stimme.

Hätte sie Adams Briefe beantwortet, ihm in seinem Kampf gegen den religiösen Fanatismus seiner Eltern den Rücken gestärkt, er wäre vielleicht nicht zurückgefallen in den Schoß der Familie und in eine Glaubensgemeinschaft, die für ihn nur den Tod vorsah. Doch Fiona hat weder die Empathiefähigkeit noch den Mut gehabt, aus ihrer Rolle als überlegene Richterin auszubrechen. So war sie nicht in der Lage, die Signale richtig zu deuten und liest erst nachdem sie von Adams Tod gehört hat, seinen letzten Brief mit dem Gedicht, das eine Todesankündigung enthält, so wie sie es schon gleich hätte tun sollen: mit Bewußtsein für ihre Verantwortung.

Dennoch verurteilt man als Leserin diese beherrschte, rationale Frau nicht. McEwan hat sie so subtil dargestellt, daß man ihre Zurückhaltung versteht, ihren täglichen Kampf für Gerechtigkeit als wahrhaftig ansieht, ja, daß man diese fiktive Person respektiert und für ihre Disziplin sogar bewundert. Englische Tugenden werden hier vorgeführt, deren Kehrseite eben genau in der Tragödie liegen, die im Roman entfaltet wird. Falls McEwan überhaupt “Gesellschaftskritik” im weitesten Sinne üben wollte, so tut er dies hier auf eine unaufdringliche Weise. Fiona Maye und ihr Professoren-Ehemann sprechen sehr selten offen über ihre Gefühle, besonders sie vermeidet jede Aggression, hasst die offene Auseinandersetzung. Wenn diese Art des Umgangs für die hier dargestellte spezielle Gesellschaftsschicht als “normal” angesehen werden soll, so könnte man sich freuen, nicht unter solchen “Contenance-Fetischisten” in England geboren worden zu sein. Das steife Zeremoniell (auch bei Gericht), die Abgeschlossenheit der Kaste der “Höheren Richter”, die ständige Angst, das Gesicht zu verlieren: um all diese Zwänge beneidet sicherlich kaum ein Leser die englische upper middle class bzw. upper class.

Und treffender als mit der Wahl des kühlen, eleganten “Rive Gauche” als Parfum für Fiona Maye hätte der Autor seine Hauptfigur nicht “markieren” können. Niemals aufdringlich, immer angenehm, geschmackvoll und dennoch im Herzen (aufgrund der Rose) emotional und tiefgründig: so ist der Duft “Rive Gauche”. Und so profund wie dieses außergewöhnlich gute Parfum ist auch der exzellente Roman “The Children Act”.

Well, well… offensichtlich kennt Ian McEwan sich sogar mit Parfums aus. What a fabulous writer. I’m in awe.

rivegaucheparf



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