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Der Parfum-Blog

Der Parfumflakon zwischen Kunst und Kommerz

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Duft und Liebe gehören für mich zusammen. Wie oft passiert es doch, daß der geflügelte Knabe Eros mit seinen unsichtbaren Pfeilen auf uns Menschen schießt und wir betört sind von einer zunächst undefinierbaren Aura, einem unsichtbaren Charme. Zu dieser unsichtbaren Aura gehört der Geruch. Manche Menschen verfügen über einen so angenehmen Eigenruch, daß ein Parfum sogar störend wirken würde, andere wiederum verbinden ihren eigenen Geruch geschickt mit dem Duft eines besonders gut passenden Parfums. Fest steht jedoch, dass unser Geruchssinn der archaischste unter unseren Sinnen ist.
Schon Neugeborene erkennen ihre Mutter und deren Milch am Geruch. Eltern tragen ihr Baby instiktiv so, daß sie seinen Duft an Kopf und Hals wahrnehmen können. Auf diese Weise wird die gegenseitige Bindung per Geruchssinn tief im Gehirn verankert. Kommt das Kind in die Pubertät, dient die Nase wieder als Wegweiser: Bei der Auswahl des Liebespartners spielt der natürliche Geruch eine große Rolle. Jene Kandidaten, deren immunologisches Profil dem eigenen am wenigsten ähnelt, werden als am attraktivsten empfunden. So wird der Genpool des zukunftigen Kindes aufgefrischt.

 

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Doch wenn der körpereigene Geruch so wichtig ist, wozu dann überhaupt Parfum?
Nun, zunächst sind ja leider nicht alle Körpergerüche angenehm. Menschen salben sich seit Jahrtausenden, um ihren Geruch zu optimieren, um unangenehme Gerüche zu überdecken und natürlich vor allem auch um erotische Signale auszusenden.

Außerdem: Jedes Parfum braucht ein Gefäß – und hier sind wir endlich beim ganz augenfälligen Thema dieser Ausstellung angelangt, dem Parfumflakon.

Um das Parfum herum ist seit circa 50 Jahren ein großer internationaler und extrem kreativer Designmarkt entstanden. Die Komplexität der Branche ist erstaunlich. Auch ihr Kundenkreis ist umfassend: Schon Kinder sind ganz klar als Zielgruppe der Werbeagenturen und Parfumhersteller definiert worden.

Die Idee zu dieser Ausstellung entstand daher durch das umfangreiche Flakonmaterial, das es gerade auf dem Kinderkosmetiksektor seit Jahren gibt. Dabei sind die Grenzen zwischen „Spielzeug“ und Flakon fließend, denn manche Hersteller offerieren ihre Düfte in Gefäßen, die Teddy-oder-Hasenköpfe aufweisen oder beliebten Figuren aus der Märchenwelt nachempfunden sind. Das Kind soll schon früh an den Konsum von Parfums herangeführt werden. Was liegt da für die Hersteller näher als ein Duft im vertrauten Barbie, Mickey-Mouse oder Spiderman-Look?

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Bereits im 19. Jahrhundert waren Flakons als bürgerliches Accessoire und Luxusobjekt, welches auf eine höfische Vergangenheit verwies. Daher finden sich auch im Hessischen Puppenmuseum Spielzeuge, die einen Bezug zur Parfümerie haben, z.B. eine ganze Parfümerie-Abteilung in einer historischen Puppenstube.
Unsere Parfum-Flakonausstellung zielt mit sehr sichtbaren Reizen auf ihre Beuscher und Besucherinnen. Was ich über Kunst und Geschichte weiß, habe ich nicht nur aus Büchern und der Uni, sondern auch von Trödelmärkten und aus Antiquitätenläden. Wir alle lernen vor allem an leibhaftigen Gegenständen, die man berühren kann. Auch ein Massenprodukt wie ein Parfumflakon wird durch den Gebrauch zu einem Unikat. Als dreidimensionales Objekt ist ein Flakon ein Gegenstand zum Anfassen, der uns etwas über Designstile, Modetrends und Konsumgewohnheiten sowie über Geschlechterbeziehungen verrät.

 

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Als Gegenstände in einem Museum sind Flakons keine flüchtigen Werbebilder, die man z.B. am Computer einfach wegklicken kann, sondern eine reale Präsenz, die durch die einzigartigen Collagen, die der Fotograf Roland Richter geschaffen hat, noch verstärkt wird.

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Der schöne Duft selbst ist unsichtbar, doch die Gestaltung des Flakons macht aus einem optisch nichtssagenden Stoff, einer meist eher blassen, leicht öligen Flüssigkeit, ein Objekt, das Wünsche und Träume wachruft.

Daher nimmt es nicht Wunder, daß namhafte Künstler für die Parfumindustrie Flaschen entworfen haben.
Salvadore Dali z.B. entwarf den Flakon für „Le Roi Soleil“ von Schiaparelli. Der russische Künstler Kasimir Malevitch designte den Flakon für das EdCologne „Severny“. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1909 und zeigt einen Eisbären auf einer Eisscholle. Auch diesen Flakon können Sie hier bei uns im Museum bewundern.

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Natürlich müssen wir auch Rene´Lalique erwähnen, dessen Flakons außergewöhnliche Objekte des Art Déco darstellen.

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Die Stilrichtung des Art Déco läßt sich zeitlich nicht genau festlegen, wenn es um Flakongestaltung geht. Bestimmten Ornamenten, wie den organischen Parallellinien oder der extremen Stilisiertheit der figürlichen Motive, begegnet man auf dem Flakonsektor noch heute.

Wenn man von Flakondesign spricht, muß man Pierre Dinand nennen. Der 1932 geborene Franzose ist einer der berühmtesten Gestalter weltweit, über 500 Flakons stammen aus seinem Atélier, darunter so stilbildende Flaschen wie die für „Calandre“ von Paco Rabanne (1968), wo er zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Glas und Metall realisierte, oder auch die Verbindung von Nylon und Glas für „Opium“ von YSL (1977).

In Deutschland ist es vor allem der Designer Peter Schmidt, der Flaschen für Jil Sander, Hogo Boss, Chopard, Joop und Gucci entworfen hat, als führender Kreativkopf zu nennen. Schmidts Flakon für Jil Sander No. 4 von 1984 befindet sich mittlerweile im Museum of Modern Art in New York (aber natürlich können Sie ihn auch in unserer Ausstellung heute bewundern).

Flakons repräsentieren die unterschiedlichsten Kunststile und Epochen. Neue Materialien wie Kunststoff kommen seit den 70er Jahren verstärkt zum Einsatz. Aber auch ältere Entwürfe werden immer wieder aufgegriffen und abgewandelt.

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So ähnelt z.b. der Flakon von Sun, Moon and Stars von Lagerfeld dem Flakon von „Dans la Nuit“ von Worth aus dem Jahre 1925.
Jean-Paul Gaultier erwarb die rechte an Elsa Schiaparellis Flakon „Shocking“ von 1937 und schuf nach diesem Flakonvorbild seine eigenen Parfumflaschen.

Die Kunst der Parfumpräsentation reflektiert stets den Zeitgeist.
Daher kann man gerade an dem stark wachsenden Markt für Kinderparfums einen gesellschaftlichen Trend ausmachen, den man durchaus kritisch sehen sollte.
Verkaufsförderung steht meist im Mittelpunkt der Aktivitäten der Industrie. Es liegt nicht in ihrem Interesse, unser Verständnis der Welt durch Analyse und Information zu vertiefen. Gerade wenn man sich hier im Museum die Fülle der Kinderparfums vor Augen führt, kann man über das Verhältnis von Kunst und Kommerz reflektieren.
Unsere Ausstellung spielt bewußt mit dem Verhältnis von Kunst und Kommerz und will Sie dazu anregen, sich zu diesem Thema Ihre eigenen Gedanken zu machen.

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Flakondesign oszilliert oft zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Eleganz, understatement und Geschmacklosigkeit. All dies bildet unsere Ausstellung ab.

Daß die Industrie besonders gern an „archetypische Dufterlebnisse“ anknüpft, zeigt sich in dem Versuch, schon Kinder als Konsumenten heranzubilden.
Im „Dictionnaire des sciences médicales“ aus dem 19. Jahrhundert findet sich folgende Definition:
„Der Geruchssinn ist der Sinn der zärtlichen Erinerungen“.

Der Flakon selbst verkörpert die Schnittstelle zweier Welten. Einerseits ist er den Konsumanforderungen unterworfen, andererseits aber gehört er auch einer künstlerischen, kreativen Welt an. Wir laden Sie herzlich ein, diese Schnittstelle in unserer Ausstellung für sich zu entdecken und wünschen Ihnen viel Vergnügen!

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