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Frühlingsdüfte 2014: Flanker, Früchte und “FOIN”!

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Frühling! Ja, dieses Jahr schon seit Anfang März und jetzt im April sowieso…

Die Parfümerien sind wie immer zu dieser Jahreszeit bestrebt, die neusten Kreationen an die Frau und den Mann zu bringen. Flanker über Flanker werden uns als “Neuheiten” präsentiert, also Parfums, die fast so ähnlich heißen wie das  “Erstprodukt” und fast immer auch so ähnlich riechen. Bevor ich einige dieser Düfte hier aufliste, wende ich mich einer perfekten Duftschöpfung zu, die im Retro-Stil daherkommt und denoch erst dieses Jahr wieder aufgelegt wurde: “Foin fraichement coupé von der Pariser Nischenfirma Oriza L. Legrand. Der Duft wurde 1886 zum ersten Mal präsentiert, aber dieses Jahr wiederbelebt, ähnlich wie die Firma, die es zwar auch seit 1720 gibt, aber erst seit kurzem ihre Wiederauferstehung auf dem Duftsektor feiert. Meine Einschätzung zu diesem Duft liest sich auf Englisch so:

“A new fragrance which smells strikingly old-fashioned – but in a very good way. This charming scent expresses the perfumer’s intense appreciation of the beauty of nature. It’s full of gentle warmth in spite of the wild mint in the top-notes. Imagine yourself under a shady tree in spring deeply inhaling the mild air. Aromatic notes are there, but they aren’t fierce, you catch a whiff of soothing hay and the earthiness of ivy and clary sage plus a very fine note of white, soft musk, very subtle, a muskiness that Oriza L. Legrand achieves without any effort. Tinges of green (clover) were added to create a fresh but not strident effect. An outdoorsy fragrance, of course, which emanates a sensuous charm below the surface. “Foin f. coupé” is definetely a beautiful scent which appeals to me in its versatility, great on both sexes and suitable wherever you go. No flowers, no aldehydes, no amber, no oudh, no intentions of seduction. Wearing it is like following a distant tune in a springtime forest that calls for you to enter, a beguilingly romantic call which leaves you with an idea of sensual awareness beyond the harsh world of synthetic mainstream fragrances. A small wonder.

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Oriza L. Legrand ist ein herausragendes Haus auf dem Nischensektor, jedes einzelne grandiose Parfum dieser Firma verdient Beachtung.

Ebenfalls sehr angenehm riecht das neue Eau de Cologne “Essence Aromatique” von Bottega Veneta.

BottegavenetaEssenceAro“The original Bottega Veneta is one of my favourite mainstream fragrances of the last years. This new, extremely light interpretation is a beautiful and aromatic mélange of fresh bergamot and coriander, subtle rose and patchouli (yes, there is such a thing as a low-key-patchouli note in this scent) resting on a base of languid tonka bean and vanilla plus a dash of sandalwood. It does disappear quickly on my skin (after 1 h), but I know it is an Eau de Cologne, so I shouldn’t complain.

Natürlich ist die Duftwirkung sehr zurückhaltend und dezent, aber das mögen viele ja.  Gerade im Hochsommer könnte “Bottega EdC” extrem gut ‘rüberkommen.

Eine weitere Neuerscheinung, diesmal einen Duft, der sich an einen älteren fast gleichen Namens anlehnt, präsentiert Cartier. Doch die neue Version von “Panthere” hat mit dem Parfum aus dem Jahr 1987 nicht viel gemeinsam. Meine Einschätzung auf Englisch: 

“La Panthère” by Mathilde Laurent for Cartier is by no means a remake of the discontinued “Panthère” from 1987, which was a dense powerhouse-fragrance. If you expect a “parfum de femme fatale”, don’t be disappointed, the new Cartier is civilised and starts with fruity top-notes of apple and rhubarb, quite transparent and not heavy. Then the star of the composition is brought into play, Laurent says it’s gardenia, but it’s not the usual kind of gardenia many of us know. The gardenia in “La Panthère” is understated in its opulence, it’s vague and amorphous, somewhat “unreal”. Fortunately, the floral accord is teamed with oakmoss and musk (a modern fruity chypre?), and when all the notes have unfolded, the perfume seems to glide and fade into the dusk without any jungle snarls. Anyone from 25 to 100 can lose themselves in the subtle elegance of “La Panthère” and seasons don’t pose a problem either, “La Panthère” is equal to any occasion and all climats. For Cartier devotees it fills the gap between the “Eau de Cartier” range with its clean simplicity and the soliflore-composition of “Le Baiser”. “La Panthère” by the great Mathilde Laurent is innovative without being conversely complex, intense without being overwhelming and pervasive without aiming at any great depth. A nice armchair adventure, with the wild animal, la panthère sauvage, at a safe distance.

Der Versuch, einen modernen fruchtigen Chypre zu schaffen, kann als gelungen bezeichnet werden, wenngleich ich selbst Mathilde Laurents Komposition zu “lau” finde.

Rosabotanica” von Balenciaga (2013/14) schließt an den Vorgänger “Florabotanica” an und setzt auf die allseits geliebte Rose, die mir hier allerdings sehr künstlich vorkommt. Der ganze Duft hat eine synthetische Aura, die mich nicht begeistert.

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Und jetzt ein kurzer Überblick über Düfte aus dem Jahr 2014, die wegen ihrer Repetitivität und des sie kennzeichnenden “Gähn-Faktors” wohl nicht lange auf dem Markt bleiben werden:

Langweilig und überflüssig ist Biotherms neustes Erfrischungsspray “Eau fraiche”. Auch nicht viel besser (“Duschgel”-Aroma): Evergreen von Jil Sander. “Escada Born in Paradise” bringt keine Abwechslung, mal wieder ein Obstsalat in der Flasche, “Manifesto L’Eclat” von Yves Saint Laurent ist eben ein Flanker (“Manifesto light”) und bleibt eine süße, klebrige Angelegenheit (“Dessert zum Aufsprühen”). “Brit Rhythm for women” geht neue Wege, will einen modernen Lavendel-Duft mimen, scheitert aber an der Ausführung, “Sol de Bahia” von Lancaster ist eine banale Kokosnuss-Nummer für den WM-Sommer 2014.

Doch den Vogel schießen die neuen Düfte von Karl Lagerfeld ab: Scheußlich! Sie sind beide so stromlinienförmig industriell abgemischte Durchschnittskreationen, daß ich mich frage, ob Lagerfeld sie wirklich selbst jemals gerochen hat, bevor er seinen Namen dafür hergab.

cavalliexotic2Nun, die Fußball-WM wirft ihre Schatten weit voraus, viele Parfumproduzenten meinen, ‘mal wieder mit dem bereits seit Jahren geläufigen Obstsalat-Parfum in mannigfaltigen Variationen punkten zu können. Auch Roberto Cavalli beteiligt sich an dieser Frucht-Meisterschaft und lanciert einen Flanker zu seinem Erfolgsduft aus dem Jahr 2011. Er kommt diesmal in Pink daher und heißt, surprise, surprise“Exotica”.  Laura Biagiotti bringt “Blu di Roma Donna”, einen leicht acquatischen, dennoch fruchtigen Langweiler heraus. Sehr enttäuscht hat mich Balmains Parfum “Extatic”. Von Ekstase keine Spur; es handelt sich um einen lauten und sehr synthetischen, fruchtig-vanillligen Mainstream-Duft. Schade, denn nachdem mir die Re-Orchestrierung von “Ivoire” so gut gefallen hatte, waren meine Erwartungen an den neuen Balmain-Duft hoch. Und last, not least erwähne ich heute noch Guerlain, die einen weiteren Flanker zu ihrem gefälligen Kirsch-Lakritz-Pudding-Duft “La petite robe noire” lanciert haben, “La petite robe noire couture”Couture als Begriff wird hier von Guerlain umgedeutet und heißt: “leider auch mainstream und von der Stange.” Einfallsloser geht’s kaum.

 

 

 

 

 


Im Dickicht der Düfte oder “how can I cut the crap”?

Ein neues Jahr – und schon läuft die Werbemaschinerie weiter, sie steht ja sowieso niemals still. Neue duftende Industrie-Produkte sind angekündigt, Ankündigungen für die allerneusten Flanker gehen bei mir ein, dabei habe ich noch nicht ‘mal geschafft, die Best-Of-Listen meiner Blogger-Kollegen durchzugehen, die sich auf 2013 beziehen, kenne nicht alles vom letzten Jahr. Stress kommt auf, doch bevor ich diesem Gefühl des Gehetzt-Seins nachgebe, lasse ich Fakten sprechen.

Die Datenbank der größten deutschen Parfum-Community “Parfumo” weist für das Jahr 1968 genau 24 Parfums auf, die in diesem Jahr lanciert wurden. Zehn Jahre später, 1978, waren es 83 Neuerscheinungen. 1988 immerhin schon 144, 1998 lag die Zahl bei 259.

Aber 2008 konnte die Kundin bereits 1256 neue Parfums ausprobieren – und ACHTUNG – letztes Jahr sogar 2451.  Im Schnitt müßte eine Parfumkritikerin täglich bis zu sieben neue Düfte testen, wenn sie alle Neuerscheinungen riechen wollte.  Eine nicht zu bewältigende Aufgabe, vor allem, wenn man bedenkt, daß die meisten dieser Produkte innerhalb von zwei Jahren wieder vom Markt verschwinden, weil sie schlecht, nichtssagend oder die Kopie der Kopie der Kopie von einem erfolgreichen Duft sind. Firmen wie Escada präsentieren jedes Jahr einen neuen Frucht-Duft für junge Frauen, letztes Jahr war es “Cherry in the Air”,

escada_cherry2-9 dieses Jahr wird es “Born in Paradise” sein.

Douglas schickte mir eine Einladung zur “Vor-Premiere”: Ich könnte den Duft jetzt schon (blind!) bestellen, bevor er in ein paar Wochen sowieso überall zu haben sein wird. Nun, ich verzichte gern.

2012 und 2013 wurden auch insgesamt vier Düfte auf den Markt geworfen, die die Popularität der James-Bond-Serie ausschlachten – keiner dieser Langweiler erinnert auch nur im entferntesten an die Kino-Helden. Selbst Flakon und Verpackung sehen billig aus. 007quatum2-8

Jedes Hollywood-Sternchen, jeder Sänger, jeder Teenie-Star vermarktet seinen Namen mittels eines Duftes:

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Justin Bieber, z.B., bringt auch jährlich mehrere Düfte heraus, die fast alle identisch riechen, von Beyoncé, Jennifer Lopez, Katy Perry, Rihanna, Christina Aiguliera, Nicki Minaj etc. ganz zu schweigen.

Die Fülle an billigen “aromachemicals”, die z.B. in Deutschland von Symrise hergestellt werden, ermöglicht die Produktion von immer neuen, stets identisch riechenden Wässerchen. Sie sind vom Duft her auswechselbar, während ihre Verpackungen/Flakons immer bunter und aufwendiger werden.

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“Aromachemicals” von Symrise finden sich nicht nur in Düften zum Aufsprühen, sondern auch in Schokolade (siehe die aktuelle “Ritter-Sport-Debatte”) , Joghurt, Müsli, Tee und Fruchtsäften. Unser gesamter Alltag scheint “durcharomatisiert” zu sein. Was diese zugesetzten Aromen für unsere Gesundheit bedeuten, vermag ich nicht zu beurteilen, doch  positiv werden sie sicherlich nicht auf den Organismus wirken.

Ich nehme zudem wahr, daß seit einiger Zeit besonders Weichspüler Trends aus der Mainstream-Parfümerie aufgreifen. Sie riechen jetzt auch schon wie gängige “Fruity-Florals” oder behaupten, ihre Verwendung sei so gut und sicher wie “natürliche Aromatherapie”.

Kein Wunder, daß es immer mehr Menschen gibt, die den künstlich parfümierten Alltag ablehnen und die Marketing-Strategien der Chemie-Giganten durchschauen. 2451 neue Parfums aus dem Jahre 2013 sind garantiert nicht 2451 neue olfaktorische Kunstwerke, die in jahrelanger Feinarbeit von begnadeten Parfümeuren kreiert worden sind, sondern die Zahl steht vor allem für eine Expansion der chemischen Industrie, die es geschafft hat, Parfum zu einem billigen Massenprodukt zu machen, das riesige Profite erzeugt.

Für dieses Jahr sind bereits folgende Neulancierungen angekündigt: Cool Water Night Dive, Endless Euphoria, Eau de Lacoste Sensuelle, La petite robe noire Couture, La tentation de Nina, Hilfiger Woman Flower Rose, Manifesto L’Eclat, Signorina Eleganza…

es sind fast auschließlich “Flanker”, also Variationen des schon längst Gesagten, Wiederholungen des Themas aus dem letzten Jahr in leicht anderer Verpackung mit einem neuen Untertitel. ‘Mal sehen, wieviele Neuerscheinungen am Ende des Jahres 2014 in den Datenbanken gelistet sein werden. Mehr als 2500? Ich befürchte es. Und weigere mich, diese Flut an Industrieprodukten auszuprobieren. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes die Nase voll.