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“The woman who went to bed for a year” – with Chanel No. 5 – of course!

 

Momentan habe ich eine fiese Grippe und muß einige Tage das Bett hüten. Anders als die Heldin aus Sue Townsends neustem Roman “The woman who went to bed for a year” zieht es mich aber heraus aus dem Bett. Am liebsten würde ich eine Runde durch den Wald spazieren, auch wenn ich das mit Fieber nicht tun sollte. Immerhin hat mir meine Grippe ermöglicht, den neuen Roman von Sue Townsend zügig und in einem Rutsch durchzulesen. Eine Frau von 50, attraktiv, aber offensichtlich seit Jahren nicht mehr glücklich, beginnt einen Streik. An dem Tag, an dem ihr Mann die beiden hochbegabten 17-jährigen Kinder, ein Zwillingspäarchen, an deren neuen Studienort in Leed gefahren hat, beschließt Eva, sich nicht mehr aus ihrem Bett zu erheben.

Als ihr Mann Brian abends aus Leeds zurückkehrt, liegt Eva im Bett. Und an den folgenden Tagen wird sie weiterhin im Bett liegen. Körperlich “krank” ist sie nicht. Die herbeizitierte Mutter von 79 Jahren kann sie ebensowenig dazu bewegen aufzustehen wie ihre ihr äußerst unsympathische Schwiegermutter, die immer schon gewußt hat, daß mit Eva nicht alles stimmt. Ihr Ehemann Brian, ein promovierter Astronom, Dr Beaver, findet sich relativ schnell mit der Situation ab. Wie die Leserin bald erfährt, hat Dr Beaver seit acht Jahren ein Verhältnis zu einer 18 Jahre jüngeren MItarbeiterin, mit der er sich immer im Schuppen hinter dem Haus  (in the shed) getroffen hat.

Eva läßt in ihrem Bett alles an sich abprallen. Ihre Kinder, Brian junior and Brionnie, die deutlich autistische Züge tragen (sie sind beide Mathegenies) hat sie oft nur als Belastung empfunden.  Daß diese sie jetzt telefonisch nicht mehr erreichen können, kümmert Eva nicht (sie hat die Kabel rausgezogen und ihr Handy nicht aufgeladen). Ein farbiger Maler, Alexander, der ihrem Mann manchmal im Haus hilft, ist der einzige, der Eva zu verstehen scheint. Er baut auf ihren Wunsch hin alle Möbel aus dem Zimmer ab. Nur das Bett bleibt stehen – mit Eva darin. Die Wände werden von Alexander weiß gestrichen. Wenn Eva auf Toilette muß, baut sie sich einen weißen Pfad aus Bettlaken, der bis zum Badezimmer reicht. Diese Verlängerung ihres Bettes darf sie auf keinen Fall verlassen. Also paßt sie stets auf, nicht einen Millimeter daneben zu treten.

Sue Townsend schafft in diesem Buch eine amüsante Welt aus abgedrehten Charakteren, über deren seltsame Handlungen man oft lachen muß. Neben Alexander, dem freundlichen, sanften Hausfreund,  kreiert sie Poppy, eine korrupte, berechnende, psychisch kranke 18jährige Mitstudentin der KInder Evas, die am Endes des Buches sogar zur Geliebten des dummgeilen, Viagra-schluckenden Ehemannes wird. Dieser Typ ist die Karikatur eines realitätsfernen Wissenschatlers und unsensiblen, egomanischen Mannes. Ein Highlight im Roman ist die Szene, als Dr Beaver das erste Mal in seinem Leben allein eine Weihnachtsfeier für die Familie gestalten muß. Eva erklärt ihm ganz genau, was alles zu tun ist. Die Liste der Erledigungen und Aufgaben ist so komplex, daß sie ganze drei Seiten in dem Buch einnimmt.

Hat irgendjemand Eva jemals gedankt, daß sie sich für ihre Familie immer aufgeopfert hat? Offensichtlich nicht. Doch da der Roman eher als Comedy als als “Psychogramm” angelegt ist, bleiben Evas wirkliche innerpsychische Konflikte nicht ausgearbeitet. Die Bezirkskrankenschwester und der Hausarzt untersuchen Eva, können aber monatelang nichts an ihrem Zustand verändern. Sie steht nicht auf.

Um ein Wundliegen zu vermeiden, macht sie im Bett Gymnastik und reibt ihre neuralgischen Punkte mit Chanel Bodylotion ein. Überhaupt… Chanel. 08.01. Neues Jahr (37 von 225)

Schon auf den ersten Seiten des Romans erfahren wir, daß Eva roten Lippenstift von Chanel nimmt – und daß sie – wie könnte es anders sein- Chanel No. 5 benutzt. Der berühmte Ausspruch der Monroe wird sogar wörtlich zitiert (Im Bett trage ich nichts außer Chanel No.5). Eva, so heißt es, hat dieser Spruch der Monroe sehr gefallen. Chanel No. 5 wird zudem von ihr dazu verwendet, die Wunde am Bein ihres Mannes zu desinfizieren, die dieser sich zuzieht, als er am zweiten Abend von Evas Bett-Streik ihre Nähe sucht. Eva hat im Bett Highheels an und verletzt Brian damit.

Im weiteren Verlauf des Romans zieht sie die Highheels im Bett jedoch aus. Mit Chanel No. 5 sprüht sie sich jedoch regelmäßig ein.

Chanel No. 5 – auch in diesem Roman wieder nur ein Klischée.

Eine zur Zeit sehr moderne Wendung nimmt die Handlung, als Nachbarn und andere Bekannte Eva zur weisen, wahrsagenden Frau hochstilisieren. Schwuppdiwupp – die Meldung steht auf Twitter. Dann geht’s weiter… die Zeitungen legen nach, der Boulevard schaltet sich ein. Seltsame Gestalten campieren auf der Straße vor Evas Haus. Der Medienwahnsinn kommt ins Rollen. Hier erinnert der Roman sehr stark an einen anderen Bestseller aus England, The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry von Rachel Joyce. Doch während Rachel Joyce mit Harold Fry eine überzeugende, extrem anrührende Figur schafft, verläßt mich ab einem gewissen Punkt das Mitgefühl für Sue Townsends Eva. Ja, ihr Mann ist ein selbstsüchtiger Trottel mit Doktortitel, die Kinder sind ziemlich rücksichtslos, betätigen sich als Haker und werden am Ende des Romans wegen ihrer Computerbetrügerien verhaftet, Evas Mutter zeigt erste Symptome von Altersdemenz – aber die Flucht unter die warme Bettdecke, die letzten Endes ein Jahr dauert, ist nur als Kulisse für eine Comedy brauchbar. In diesem Sinne ist Townsends Buch – inklusive seiner topaktuellen Medienkritik – lesenswert. In seiner Konstruiertheit und gleichzeitigen Klischeehaftigkeit (siehe Figurenzeichnung und Funktion des Parfums Chanel No. 5)  kommt “The woman who went to bed for a year” jedoch nicht über den Status von guter Unterhaltungsliteratur hinaus.

Aber mehr brauchte ich ja auch gar nicht… mit meiner Grippe…

The woman who went to bed for a year” von Sue Townsend, erschienen bei Penguin, 2012.